Vom „Lake of the Woods“ in die Reservate

ABENTEUER Johannes und Margot Lieberwirth verbringen die Hälfte des Jahres in Kanada. Sie erstatten dem Heimatverein einen spannenden Erlebnisbericht. Die Indianer-Kultur verfällt

Von Kathrin Giese

OBERDOLLENDORF. Wer das Wort Indianer hört, der stellt sich meist einen friedfertigen Indianerstamm in Tipi-Zelten vor, der von seinem Häuptling mit imposantem Federschmuck und Mokassins auf die Büffeljagd geführt wird oder in Kanus zum Fischfang hinausfährt. Johannes Lieberwirth zeigte mit seinem Diavortrag im Bungertshof, dass zwischen der romantischen Vorstellung und der Wirklichkeit eine große Kluft liegt. Über „Die Indianer und Goldgräber in Kanada“ präsentierten er und seine Frau Margot am Montagabend eindrucksvolle und auch erschreckende Dias.

Der Heimatverein Oberdollendorf und Römlinghoven, in dem Lieberwirth seit Jahren Mitglied ist, ermöglichte den Erlebnisbericht. Der pensionierte Rundfunkkorrespondent war von 1942 bis 1946 in kanadischer Kriegsgefangenschaft in den Rocky Mountains. Die faire Behandlung der Kanadier war für ihn der Anlass, eines Tages aus freien Stücken nach Kanada zurückzukehren. Mit seiner Frau Margot verbringt er seit 25 Jahren die Hälfte

des Jahres in dem Land, dass sich von dem Indianerwort „kanatta“ ableitete was soviel wie „unser Land“, oder „unsere Hütte“ heißt. Im kleinen Örtchen Sioux Narrows am „Lake of the Woods“ haben sich die beiden Kanada-Liebhaber ein Häuschen gebaut. Von hier aus, wo er während seiner Gefangenschaft als Holzfäller gearbeitet hatte, starteten die beiden Dollendorfer unzählige Abenteuerreisen durch die Indianerreservate und auf den Spuren der ersten Goldgräber. Margot Lieberwirth hielt die Eindrücke auf Dias fest.

Alkoholabhängige und Klebstoff schnüffelnde Indianer die jeden Cent ihres aus Steuergeldern der Kanadier finanzierten Einkommens in Drogen umsetzen bilden die traurige Mehrheit in den Reservaten. „Sie müssen sich nicht selbst organisieren so verlieren sie jeden Ansporn“ meint Lieberwirth der aber auch andere gebildete Indianer kennen gelernt hat. Eine Minderheit wie er meint. Die Indianer leben in meist heruntergekommenen Hütten. Kühlschränke stehen im Sommer in der prallen Sonne vor dem Haus. Ihre eigene Kultur gerät in Vergessenheit, genauso ihre vielfältigen Sprachen. In Birkenstock-Sandalen gehen sie zu ihren Kultfesten. Tipis können sie nicht mehr bauen, ihr Schmuck ist aus Plastik.

Gold ist nach wie vor ein wichtiger kanadischer Rohstoff. Die Lieberwirths zeigten alte Archivbilder aus der Zeit des Goldrausches. Dias vom Ansturm tausender Goldsucher, von denen nur wenige die Strapazen der harten Passüberquerungen überlebten.

Aber auch malerische Dias vom „Indian Summer“ und von der durch die Goldsucher durchschürften Landschaft. Zum Betrachten brachte Lieberwirth viele Geschenke von Indianern mity darunter ein echter Lendenschurz, den er als Dank für seine Hilfe beim Barkenbau im Tausch gegen seine Badehose erhalten hatte.
Das Buch von Johannes Lieberwirth „Alter Mann und Corned Beef – Die andere Kriegsgefangenschaft in Afrika und Kanada von 1941 bis 1946“, ist im Condo-Verlag, Emmelshausen, erschienen.

Erschienen im General-Anzeiger Bonn vom 12.03.2003.

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