„Schröder“ im Freien und zum Zugucken

KULTUR Künstler stellen zum wet painting ihre Staffeleien in der ganzen Stadt auf. Die Zaungäste und der Zeitdruck machen einigen zu schaffen. 55 Kunstfans bieten bei der Auktion mit

Von Kathrin Giese

KÖNIGSWINTER. Nach der Eröffnung des „wet painting“ im Atelier Meerkatze schwärmten am Samstagmorgen 32 Künstler aus der Region – ausgestattet mit Keilrahmen, Lunchpaket und Stadtplan – aus, um sich in der Stadt einen inspirierenden Platz zu suchen. Einige Künstler stellten ihre Staffeleien vor dem Siebengebirgsmuseum auf, das extra fürs „wet painting“ geöffnet hatte. Auch dem Karikaturist und Metallkünstler Burkhard Mohr konnten die Passanten dort über die Schulter schauen. Er arbeitete aus dem Gesicht des Bundeskanzlers in Brauntönen die markantesten Merkmale heraus.


Verteilt über die ganze Stadt, verband die Künstler eines: Sie mussten bis 16 Uhr den letzen Pinselstrich gezogen haben. Den Zeitdruck verarbeiteten die kreativen Köpfe ganz unterschiedlich. „Ich brauche nie viel Zeit für meine Bilder, wenn ich eine Idee habe, bin ich ziemlich schnell“, sagte Heike Kern, die sich mit ihrer Staffelei auf dem Berliner-Platz zusammen mit Ralph-Georg Clauss aufgestellt hatte. Innerhalb einer Stunde war auf Kerns Leinwand kein Weiß mehr sichtbar, dafür nahmen Rhein und Schiffe immer mehr Form an. Ralph Georg Clauss, der Vorsitzende der Gemeinschaft Königswinterer Künstler, war von diesem Tempo beeindruckt.

Er hatte die Idee, eine Lichtgestaltung in der Aufteilung des „Goldenen Schnitts“ frei anzufertigen. Doch nach einer Stunde stand er vor einem Wendepunkt und drehte seine Leinwand von Quer- auf Hochformat. „Ich bin gerade in einer Schaffenskrise“, erklärte Clauss, der in seinem Bild plötzlich ganz neue Möglichkeiten erblickte. Viele Passanten blieben beim Einkaufsbummel stehen und beobachteten still die Schaffenden. Einige fragten nach der Motivwahl oder stellten fest: „Hier draußen vor allen Menschen malen, das könnte ich nicht.“ Darüber waren auch die Künstler geteilter Meinung. Einige wurden zum ersten Mal in der Öffentlichkeit kreativ, andere waren dies bereits gewohnt.

Zur Präsentation der Werke am Samstagabend strömten an die 80 Kunstinteressierte ins Atelier Meerkatze und hefteten den 44 noch nassen Bildern Vorgebote an. Startpreis war dabei 50 Euro, die in 10-Euro-Schritten erhöht werden konnten. Bis gestern Nachmittag wurde vorgeboten. Für das Werk „Ein schräger Vogel“ von Wolfgang Sahlmann, der sich mit Kurt Volkert das Atelier Meerkatze teilt, war am Sonntag um 14 Uhr mit 170 Euro das höchste Vorgebot abgegeben worden. Der „Schröder“ von Burkhard Mohr lag zur gleichen Zeit bei 100 Euro.

Zur Schlussauktion kamen mehr als 80 Besucher ins Atelier. Moderiert wurde die Versteigerung von dem professionellen Auktionator Jörg Laubenberger. Aktiv nahmen 55 Bietende an der Versteigerung teil. „Der schräge Vogel geht bestimmt für 400 Euro weg“, prognostizierte der Koordinator der Kulturgruppe der Lokalen Agenda 21, Klaus Uwe Meier. Er selbst hatte ein Vorgebot für den „Roten Faden“ von Karin Koch aus Kamp-Lintfort abgegeben, die damit um 14 Uhr bei 80 Euro lag. Auch Bürgermeister Peter Wirtz kam zu der Auktion, bot kräftig mit und ersteigerte das Bild „Märchenhaftes Königswinter“ von Veronika Dietz.

Um 17.45 Uhr hatte jedes der 44 Bilder einen Käufer gefunden, insgesamt 6 400 Euro wurden eingenommen. Den höchsten Preis von 460 Euro erzielte das Bild „Protest der Fußballtore“ von Wolfgang Sahlmann. Die Hälfte dieses stattlichen Erlöses soll der Finanzierung des Afghanistan-Denkmals „Der Frieden beginnt in den Köpfen“, das vor dem Maritim-Hotel zu sehen ist, zu Gute kommen.

Ein Kunstereignis der besonderen Art konnte am Wochenende in Königswinter erlebt werden. Die Kulturgruppe der lokalen Agenda 21 und das Kulturamt der Stadt veranstalteten das „wet painting“. Künstler aus der Köln-Bonner Region und darüber hinaus malten am Samstag in vorgegebener Zeit Bilder in den Gassen und auf Plätzen der Altstadt – und das unter den Augen der Passanten. Die noch nassen Werke wurden am Samstagabend dem Publikum präsentiert, das dann mit Vorgeboten den Startpreis der Bilder für die Versteigerung am Sonntag festlegte.

Erschienen im General-Anzeiger Bonn vom 30.06.2003.

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