Das Wort Gottes in der Sprache der Massai

Josef Thesing fasziniert das Buch der Bücher – Mehr als 1 000 Bibeln hat der Ittenbacher von seinen Reisen rund um den Globus zusammengetragen – Jede erzählt eine eigene Geschichte

Königswinter.
Die Bibel ist das erfolgreichste Buch der Welt. Kein Buch wurde in so viele Sprachen übersetzt, wie die Bibel. Allein im Jahr 2002 wurden weltweit 20 Millionen Bibeln gedruckt und verkauft.

Josef Thesing aus Ittenbach hat eine ganz besondere Beziehung zum Buch der Bücher: Der ehemalige stellvertretende Generalsekretär der Konrad-Adenauer-Stiftung sammelt die Bibel in den verschiedenen Sprachen. Mehr als tausend Bibeln in mehr als 600 Sprachen hat er in seinem Haus in Ittenbach zusammengetragen.

Als Leiter des Internationalen Instituts der Konrad-Adenauer-Stiftung kam Josef Thesing in viele Länder der Erde: In seiner 38-jährigen internationalen Tätigkeit für die Stiftung flog er rund 25 Mal um den Globus. Viele Jahre lebte und arbeitete er in Lateinamerika, wo auch seine Kinder zur Welt kamen.

Auf seinen Reisen und bei seiner Arbeit begegnete er Menschen, die durch die Bibel und die Gemeinsamkeit des christlichen Lebens verbunden sind. Er lernte überzeugte und überzeugende Christen, Kardinäle, Bischöfe, Priester und einfache Gläubige kennen.

Auf einem langen Rückflug von Santiago de Chile war er mit einem Kardinal ins Gespräch vertieft, als ihm die Idee kam, die Bibel in den verschiedenen Sprachen und Dialekten zu sammeln.

Zu seiner ersten Bibel, die er zur Kommunion bekommen hatte und einigen zufällig gesammelten Bibeln, kamen systematisch in 18 Jahren des Sammelns mehr und mehr dazu.

Zu Beginn verschaffte sich Josef Thesing Klarheit darüber, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt. In einer Aufstellung der Internationalen Bibelgesellschaft von 2002 sind 6 812 Sprachen dokumentiert. Die Bibel ist bereits in 2 303 Sprachen übersetzt worden.

Afrika steht mit 647 verschiedensprachigen Bibeln der Kontinent an der Spitze der Bibelübersetzungen. Thesing besitzt eine Massai-Bibel, in welcher zu der Weihnachtsgeschichte ein Bild von einem Massai-Hirten an der Weihnachtskrippe in Kenia zu sehen ist.

Das ist nur ein Beispiel für die reiche Vielfalt des internationalen Buches. Die älteste Bibel der Sammlung ist eine Faksimile-Ausgabe der Gutenbergbibel von 1452/55. Auch eine Originalausgabe in lateinischer Sprache von 1563 gehört zur Sammlung. Die Sprache ist für Josef Thesing das Spannendste an der Bibel.

Er selbst spricht westmünsterländisches Platt, Deutsch, Spanisch und Englisch. Durch diese Sprachen kann er sich verwandte Sprachen erschließen: So ermöglicht ihm das Platt zum Beispiel, Holländisch zu verstehen. Seine Spanischkenntnisse erleichtern es ihm, das verwandte Portugiesisch und andere romanische Sprachen zu lesen.

„Die Sprache der Bibel ist faszinierend. Anspruchsvoll, mit viel Mühe, Sorgfalt und Aufmerksamkeit wurde die Bibel übersetzt. Wer eine Sprache lernen will, der sollte die Bibel in dieser Sprache lesen“, rät Josef Thesing.

Jede Bibel in seiner Sammlung erzählt eine eigene Geschichte. Mit ihnen sind viele Erinnerungen an Menschen und Länder verbunden. Eine vietnamesische Bibel aus der Sammlung erzählt jedem, der das Buch aufschlägt, die traurige und schreckliche Geschichte eines Mannes, der von den Kommunisten über Nacht verhaftet wurde und später im Gefängnis gestorben ist.

Die Bibel, die jetzt in Thesings Sammlung einen würdigen Platz gefunden hat, war das einzige, was dem Mann im Gefängnis blieb. Sie ist sehr häufig gelesen worden. Viele Stellen sind mit Bleistift markiert und gekennzeichnet. Die Familien des Vietnamesen schenkte Josef Thesing dieses Erinnerungsstück.

„Meine Heimat, das Münsterland, hat mich geprägt. Die Familie war die Basis für das, was ich später gemacht habe. In ihr wurden früh die Pflichten vermittelt, die zum Leben gehören: Ehrlichkeit, Fleiß, Verantwortungsbewusstsein und auch für andere da sein zu müssen“, sagt Thesing.

Die christliche Botschaft, die in der Bibel dokumentiert ist, war für ihn ein entscheidendes Motiv für die Sammelleidenschaft. „Es ist eine gute Idee, die Bibel mit dem Jahr der Bibel wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Dieses wertvolle Buch verdient Aufmerksamkeit. Mit Bedauern muss man heute feststellen, dass die Bibel in weiten Teilen Europas weniger gelesen wird.“

Im Februar zeigte Thesing einen Teil seiner Sammlung im Haus der Geschichte unter dem Motto „Die Bibeln der Welt“. „Die Menschen sollen angeregt werden, die Bibel in die Hand zu nehmen und darin zu lesen“, wünscht er sich.

Erschienen im General-Anzeiger Bonn vom 29.12.2003.

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