Ein Kampf um den ältesten Energiedrink der Welt

Milchbauern aus dem Siebengebirge protestieren am Dienstag in Mülheim an der Ruhr gegen Dumpingpreise der Lebensmitteldiscounter. Viele Betriebe können kaum ihre Kosten decken.

Von Kathrin Giese

Eine Kuhherde überquert die Straße. Foto: Kathrin GieseKönigswinter. Milch- und Milcherzeugnisse sind derzeit im Laden so billig wie lange nicht mehr. Was den Verbraucher auf den ersten Blick freut, setzt die Landwirte unter Druck. Die EU-Verordnung zur Senkung der Milchpreise ab dem ersten Juli bringt Bauern an die Existenzgrenze. Die Erzeuger erhalten nur rund 27 Cent pro Liter Milch.

Ein Tiefpreis wie zuletzt 1977. Die Bauern aus dem Siebengebirge ziehen deshalb am Dienstag mit ihren Kollegen zum Protest vor die Zentrale der Handelskette Tengelmann in Mülheim an der Ruhr.

Denn ein Grund für den Preissturz ist die Einkaufsstrategie großer Handels- und Supermarktketten zu möglichst niedrigen Preisen. Sie versuchen schon vor dem ersten Juli die Preissenkung in ihren Verhandlungen über die Lieferverträge durchzusetzen.

„Es ist ein riesiges Problem, denn viele Landwirte leben von der Milchproduktion“, erklärt Michael Dahm, Sprecher der Ortsbauernschaft Königswinter, die sich für die Interessen der Landwirte gegenüber der Stadt einsetzt.

Er selbst war ehemals als Haupterwerbslandwirt in der Milchproduktion tätig, stellte seinen Betrieb in Uthweiler jedoch vor vier Jahren ein. Heute arbeitet er in der Versicherungsbranche. „Die Regierung versucht zwar, die Preissenkungen durch Prämienzahlungen an die Bauern auszugleichen, doch leider klafft in der Rechnung eine Lücke. Die Bauern können ihre Kosten kaum noch decken“, so Dahm.

Um zu verhindern, dass es den Bauern aus dem Siebengebirge an den Kragen geht, wollen sie ihren Unmut ausdrücken. Mit aussagekräftigen Plakaten bewaffnet, ziehen am Dienstag etwa 20 Bauern der Königswinterer Gegend vor die Zentrale der Handelskette.

Zusammen mit Milchbauern aus dem Einzugsgebiet der Kreisbauernschaften Bonn und Siegburg fahren sie am Dienstagmorgen um halb neun mit Bussen zur Demonstration. Der Aufmarsch ist Teil einer Serie von deutschlandweiten Aktionstagen für die Milch, die vom Deutsche Bauernverband organisiert werden und auch vom Rheinischen Landwirtschafts-Verband unterstützt werden.

In den letzten Wochen wurde unter anderem vor der Metro-Zentrale in Düsseldorf und in Osnabrück protestiert. Aber auch das Verhalten der Verbraucher hat eine Auswirkung auf den Preis: In der Zeit, als durch die Angst vor BSE kaum Fleisch, dafür aber viele Milchprodukte gekauft wurden, waren die Preise auf einem Höchststand.

Doch mittlerweile hat sich das Kaufverhalten wieder umgekehrt. BSE ist nicht mehr Gesprächsthema und es wird wieder mehr Fleisch gegessen. Die Milcherzeugnisse bleiben dafür in den Kühlregalen. Auch die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn hält „faire Milchpreise für die Existenzsicherung der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland für dringend erforderlich“.

Allein im Siebengebirge hängen 20 Bauernhöfe von dem Geschäft mit dem ältesten Energiedrink der Welt ab. „Die Preis-Kosten-Schere klafft soweit auseinander, dass es uns unmöglich ist, wirtschaftlich zu arbeiten. Kein Automobilkonzern würde ein Auto unter den Produktionskosten verkaufen“, erklärt Milchbauer Willi Quink aus Königswinter-Hühnerberg. In seinem Betrieb stehen derzeit 60 Kühe.

Wird ein Liter Milch nicht gerechter bezahlt, müsste er seinen Betrieb auf 100 Kühe erweitern, um seine Kosten zu decken. Um jedoch 100 Rindviecher versorgen zu können, müsste Quink eine weitere Kraft einstellen, die den Gewinn wieder wettmachen würde. „Ein Teufelskreis. Wir können unsere Felder ja nicht mit ins Ausland nehmen.

Wenn man ein einheimisches Produkt auf dem Frühstückstisch haben will, muss man auch einen gewissen Preis dafür bezahlen“, so Quink. Mit den Demonstrationen wollen er und seine Kollegen ihren Molkereigenossenschaften den Rücken stärken. Sie hoffen, dass diese in neuen Verhandlungen Preise erzielen können, die die Ausgaben der Bauern decken.

Wenn durch den fortbestehenden Preisdruck die größte Branche der deutschen Ernährungswirtschaft vernichtet wird, steht nicht zuletzt auch der Erhalt der Kulturlandschaft auf dem Spiel. Denn diese ist von der Vielzahl und Vielfalt bäuerlicher Betriebe mit Rinderhaltung geprägt. Und was wäre das schöne Siebengebirge ohne Kühe?

Erschienen im General-Anzeiger Bonn vom 05.04.2004

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