Die Kunst des Erzählens

Geschichten lebendig werden zu lassen, das gehört zu dem Repertoire des Studiengangs Theaterpädagogik an der Universität der Künste. Hier werden Erzähler ausgebildet, die eines sicher nicht tun: Vorlesen.

Im stimmungsvoll dekorierten Märchenzimmer sitzen Schüler der 1. und 2. Klasse der Anna-Lind-Schule in Wedding im Stuhlkreis. Gespannt lauschen sie der Erzählerin, die sie in die ferne und phantastische Welt ihrer Ursprungsländer entführt: Sie erzählt ihnen Geschichten aus Arabien, der Türkei, Afrika, dem ehemaligen Jugoslawien, aus Tschechien oder Asien.

Beispielhaftes Schulprojekt

„Die Kinder aus dem ärmsten Stadtteil Berlins sind zu 90 Prozent nicht deutscher Herkunft und ihre Sprachkompetenz in unserer Sprache ist rudimentär, denn auch die Mütter sprechen kaum Deutsch“, weiß die Professorin für Spiel- und Theaterpädagogik Kirstin Wardetzky. Mit drei ihrer Theaterpädagogik-Absolventinnen hat sie an der Anna-Lind-Schule ein beispielhaftes Projekt auf die Beine gestellt. Seit September bekommen die Schüler zweimal pro Woche Märchen von den Sabine Kolbe und Kerstin Otto erzählt und nicht vorgelesen. Die dritte Erzählerin im Bunde Mariette Rohrer-Ipekkaja spricht sogar Deutsch und Türkisch fließend, was sich als vorteilhaft erwiesen hat.

Poetik ist zumutbar

Anstatt das Sprachniveau beim Erzählen dem der Kinder anzupassen, entschlossen sich die Erzählerinnen die anspruchsvolle und poetische Sprache der Märchen beizubehalten. „Man kann den Kindern das zumuten“, so Kirstin Wardetzky. Die Rasselbande spricht nun fasziniert die sich wiederholenden Elemente in den Märchen wie Zauberformeln und liedhafte Zeilen mit: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“. Und lernen so unbewusst die deutsche Sprache. Gerade für die Rabauken unter den Zuhörern sind die Abenteuer und listenreichen Geschichten der Märchenhelden eine spannende Abwechslung zum Zeichentrickkanal.

Wirkung auf Kinder

Jetzt, ein halbes Jahr später, zeigt das Projekt bereits Erfolge. Die Kinder hängen an den Lippen der Erzählerinnen und schaffen es sich 30 Minuten auf das Zuhören einer Geschichte zu konzentrieren. Sie verlassen das Märchenzimmer ganz anders als sie kamen: Sie rennen nicht mehr wild tobend raus, sondern laufen ruhig und in die Stimmung der Märchen getaucht aus dem Raum. Mittlerweile klatschen sie am Ende der Erzählstunde und fordern eine Zugabe. Mit Erschrecken stellten die Erzählerinnen zu Beginn des Projekts im September fest, dass die Märchen eine ganz andere Phantasie in den Kindern freisetzten können, als erwartet: „Die Kinder steckten voller Horror- und Sex-Phantasien durch die tägliche Fernsehberieselung. Die Phantasie der Märchen fand keinen Echoraum in ihren Köpfen“, schildert Wardetzky. Doch auch das hat sich geändert, so dass ein Schüler mit Begeisterung feststellte: „Jetzt sehe ich das in meinem Kopf!“

Zukünftige Projekte

Wolfgang Köpnick ist als Bezirksschulrat von dem Erfolg des Projekts in der Anna-Lind-Schule so begeistert, dass er bei Kirstin Wardetzky Erzählerinnen für 20 bis 30 weitere Schulen angefragt hat. Diese stehen auf Abruf bereit. Jedoch ist die Finanzierung eines solchen Vorhabens noch völlig unklar. Da von der Schulbehörde keine Gelder zu erwarten sind, sind Fördervereine und Sponsoren gefragt. Gerade wenn in Berlin im Herbst die Ganztagsschule eingeführt wird, ist der Bedarf an abwechslungsreicher und bildender Nachmittagsgestaltung enorm groß. „Die Erzähler-Projekte wären ein ideales Angebot für das Nachmittagsprogramm“, so Wardetzky. Das Projekt an der Anna-Lind-Schule wird auf jeden Fall zwei Jahre laufen. Finanziert werden die rund 50 Euro pro Erzählstunde von der Deutschen Bank der LBS-Nord und der VW-Stiftung.

Die Internet-Seite der drei Erzählerinnen: www.fabuladrama.de.

Erschienen im Magazin „Kulturen„, Ausgabe Mai 2006

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.