Dribbeln im Dritten Reich

Zur Fußball-WM hat das Haus des Deutschen Sports eine Ausstellung geschaffen. „Berlin – Story of Football“ lautet der Titel. Doch der schicke Flyer zeigt genauso viel wie die Ausstellung.

Von Kathrin Giese

Dribbeln im Dritten ReichVor dem Portal des Haus des Deutschen Sports hocken auf hohen Säulen aufdringlich golden glänzenden Adler. Vollkommen überheblich leuchten sie vor dem dunkelgrauen Wolkenhimmel und blicken spöttisch über die kleine Bausstelle vor der Türe hinweg.

Braune Gitterstäbe und milchiges, schläfrig machendes Licht empfangen den Besucher im Haus des Deutschen Sportes. Die Ausstellung soll im Lichthof sein, stand auf dem Flyer. Lichthof – das ist in diesem Fall wohl ironisch gemeint.

Der Blick des Eintretenden fällt gerade durch den Raum auf einen nackten Zehnkämpfer aus der Nazizeit. Es ist die riesengroße Bronzeskulptur „Deatheon“ aus dem Jahr 1935, geschaffen von Georg Kolbe. „Die gehört nicht zur Ausstellung“, erklärt Peter-Jürgen Last, der Aufseher der Ausstellung, der in einer dunklen Ecke neben der Einganstüre an einem Tisch sitzt und Zeitung liest.

Tischkicker ist Attraktion

Die Ausstellungsfläche ist klein und überschaubar unter dem milchigen Lichthof-Dach des Hauses platziert. Grüner Kunstrasen liegt in der Mitte aus. Auf ihm sind die Highlights der Ausstellung platziert: Der Tischkicker und zwei Tipp-Kick-Spiele, zwei Computer mit einer Fußballspiel-Simulationen und einem Wissensquiz über Fußballregeln, sowie ein kleines Kino mit Flachbildfernseher. Sie scheinen die Attraktion der Ausstellung zu sein, weil sich hier die fünf anderen Besucher tummeln. Ein Vater spielt mit seinen zwei Söhnen im Grundschulalter eine Runde an dem neuen Tischkicker. Der Kicker ist seit der Eröffnung am 19. Mai noch nicht ganz eingespielt und trotzdem bleiben die Männchen an der Stange immer an den erhöhten Eckenbanden mit dem Fuß hängen, was den Spielfluss stört.

„Das Spiel ist aus“, steht auf der Seite der lounchigen Kino-Installation. Diese Installation ist eine Art Box, die an den Seiten offen ist. An der Rückwand, ist ein riesiges, altes schwarzweißes Foto aufgezogen, das mager besetzte Zuschauerbänke eines Fußballspiels zeigt. Davor sind einige Sitzbänke angebracht. Sie sind leer. „Rahn müsste schießen! Rahn schießt. Tor! Tor!“, schreit es aus der Box. Auf dem Flachbildfernseher läuft das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft von 1954, nachgespielt mit Lego-Figuren und einzelnen Sequenzen aus dem Original-Spiel. Ein Klassiker, nun gut. Aber: Wer hat das noch nicht gesehen?

Makabere Überschriften

Um den grünen Rasen mit den Spielmöglichkeiten stehen viele Stellwände und Vitrinen. Die inhaltliche Komponente der Ausstellung. Hier wird informiert über „Dribbeln im Dritten Reich“, „Das Wunder von Bern“ oder den „Anpfiff in Ruinen“. Plakativ stehen diese Überschriften an den Stellwänden. Besonders die Überschrift „Dribbeln im Dritten Reich“ wirkt grausig in diesem Nazibau auf dem ehemaligen Reichssportfeld. Mit den goldenen Adlern vor der Tür, den Gitterstäben rund um den Lichthof und den noch als Originale anmutenden Toiletten wird diese Ausstellung eine runde Sache. In der Mitte der nackte Zehnkämpfer. Doch von alle dem werden die zahlreichen Schulklassen, die laut der Aufsicht sich schon angekündigt haben, nicht viel mit bekommen: Sie werden sich auf den Tischkicker und die Computerspiele stürzen. Und mal ganz ehrlich: Wen interessiert denn auch der Fußballstiefel von 1910?

Erschienen im Magazin „Kulturen„, Ausgabe Juni 2006.

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