Quittung für geizige Fleischfresser

Verbraucher tragen Mitverantwortung

Von Kathrin Giese

Es riecht unangenehm süßlich und verändert seine Farbe zu einem blassen Grau: verderbendes Fleisch. Es läuft aus, schrumpft in der Pfanne und wer zuviel davon in seinem Döner hat, hat länger was davon. Tonnenweise lagert es bei Fleischhändlern in ganz Deutschland. Mit Sägemehl vermischt wandert es in die Pelle oder in den Döner. Der jüngste Skandal aus München hat uns den Ekel wieder auf den Tisch gebracht. Gammelfleisch ist in aller Munde. Doch anstatt den verdorbenen Fleischbrocken endlich auszuspucken, nein, die Deutschen essen immer mehr Fleisch. Im vergangenen Jahr aß jeder Bundesbürger 61 Kilogramm. Trotz ekelhafter Skandale, falscher Etikettierung im Supermarkt und den Tierseuchen wie BSE und SARS. Selbst Darmkrebs, an dem Fleischfresser weitaus häufiger erkranken als der gelegentliche Fleischgenießer, scheint nichts daran zu ändern –  das Fleisch muss auf den Tisch.

Als wenn dieser Trend nicht schon genug zu denken gäbe: Am liebsten will der Deutsche für seine 61 Kilogramm auch so wenig wie möglich  bezahlen. Hier liegt die Kuh begraben. Die Schnäppchen-Mentalität ist längst schon in der Küche angekommen. Für Nahrungsmittel geben die Deutschen nur noch 11,7 Prozent ihres Einkommens aus. Anfang der fünfziger Jahre war es noch die Hälfte. Das ist nun vorbei. Geiz ist Geil, das haben Aldi, Lidl und Co. schon lange begriffen und drücken kräftig auf die Preise. Mit Erfolg: 2005 wurde erstmals mehr Fleisch über die Discounter verkauft als über das Metzgerhandwerk.

Eingeschweißt und eingefroren wird das Fleisch im Supermarkt nicht mehr von einer Fleischwarenfachverkäuferin hinter der Theke überreicht – mit einer Scheibe Liona-Wurst zusätzlich auf die Hand. Selbst daran wird gespart. Auch für die Curry-Wurst oder den Döner zum Mitnehmen, wollen die Deutschen immer weniger ausgeben. Doch mit 1,50 Euro kann der Dönerverkäufer kaum die eigenen Kosten decken. Gekauft wird trotzdem. Doch schmeckt´s?

Dass die Fleischwelt von einer Döner-Mafia regiert wird, die Gammelfleisch aus Deutschland bis nach Hong Kong verschifft, daran sind auch die Billigkäufer schuld, die mit ihrem Preisdumping erst den Nährboden für diese Kriminalität schaffen. Wer gute Qualität haben will, muss dafür einen angemessenen Preis zahlen. Bei anderen Produkten ist das Zusammenspiel von Qualität und Preis dem Verbraucher glasklar. Wer einen Billigfernseher  aus China von Grondig kauft, weiß, dass dieser nicht so lange hält wie das Markengerät. Dieses Bewusstsein hat sich beim Fleischkäufer noch nicht nachhaltig entwickelt. Er kauft kurzfristig, wenn der Skandal-Tsunami wieder ganz unerwartet aus dem Fernseher schwappt, weniger Fleisch und manch einer sogar Bio. Doch nach einigen Wochen ist der gewohnte Griff in die Kühltruhe dann doch wieder passiert. Der Käufer muss sich nicht wundern, dass bei fallendem Preis auch die Fleischqualität ins Bodenlose sinkt. Mit mangelndem Bewusstsein für sein Kaufverhalten gibt der Käufer auch seine  Macht ab, über Qualität zu entscheiden.

Dass  Billigfleisch und dazu noch in solchen Mengen gekauft wird, liegt an dem scheinbar unzerstörbaren Vertrauen der Verbraucher in die Verbraucherschutz-Systeme der Bundesrepublik. Was an deutschen Theken und in Truhen liegt, wird schon in Ordnung und ausgiebig kontrolliert sein. Doch das ist nicht der Fall. Genau dieses Kontrollnetz hat in Bayern zum wiederholten Mal versagt, denn der Betrieb, in dem 120 Tonnen abgelaufenes Fleisch gefunden wurden, ist wenige Monate davor kontrolliert worden. Nur ein Insider-Tipp brachte den Fall auf den Schreibtisch des Staatsanwalts. Es kann ja auch nicht sein, dass jedes Stück Fleisch einen persönlichen Kontrolletti bekommt. Jeder einzelne Verbraucher kann mehr dafür tun, dass sein Steak seinen Preis wert ist und ihn auch erzielt. Der Käufer sollte sich über seine Rolle in dem kriminellen  Kreislauf klar werden. Denn er ist der Entscheider. Wenn er das Fleisch auf den Saugtüchern in den Plastikschalen nicht kauft, kommt es als Gammelfleisch tatsächlich in den Müll und irgendwann erst gar nicht mehr in den Laden.

Allein schon aus ethischen Gründen muss doch ein Zweifel an der Kühltheke aufkommen: Wie kann denn ein Lebewesen, das langsam aufwächst, ernährt und am Leben gehalten werden muss, als 100g Hackfleisch durch den Wolf gedreht nur noch 33 Cent kosten? Obwohl an seiner Verarbeitung auch noch zig Menschen verdienen wollen.

Der Verbraucher muss ein Bewusstsein für den Wert dieses Lebensmittels aus Lebewesen entwickeln, sich die Kostbarkeit seines leckeren Steaks vor Augen führen und sich freuen, dass er diesen Bullen nicht selbst erlegen musste. Mit Dankbarkeit und Respekt für die Tiere müsste er auf ihnen Kauen. Mit jedem fair bezahlten Stück Fleisch steigt auch der Genuss. Du bist, was du isst – ist nicht umsonst ein Sprichwort. Dem Selbstwertgefühl würde es nicht schaden, den Braten das nächste Mal beim Metzger zu kaufen. Es muss ja nicht gleich Bio-Fleisch sein. Allein schon das Fleisch vom Metzger um die Ecke hat eine deutliche höhere Qualität, ist frischer, hat weniger Fett und die Person, die daran verdient, steht direkt vor einem.

Die Deutschen müssen sich mehr um ihre Ernährung kümmern. Erst wenn der Käufer die Verantwortung für sich und das Essen, was auf den Tisch kommt, übernimmt, kann sich an dem Teufelskreis des billigen Fleisches etwas ändern.

Entstanden im Kompaktseminar: Formlehre Kommentar bei Torsten Harmsen

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