Metaphern für die Geschichte des Universums

Der britische Künstler Matthew Ritchie hat viel vor: Er sucht nach der Weltformel. Die Gemeinsamkeiten zwischen Geschichte, Wissenschaft, Religion und Sprache will er aufdecken. Seine Funde verbindet er in seiner Kunst zu einem neuen Kosmos.

Von Kathrin Giese

Künstler Matthew Ritchie in der Kunst- und Ausstellungshalle. Foto: Kunstmuseum Bonn

Ein scherenschnittartiges, schwarzes Muster schlängelt sich durch den Raum. Es wirkt wie ein Steg oder eine Straße, schwebt auf etwa einem Meter Höhe durch den Raum. Darunter ein leuchtendes, farbenfrohes Bild, das an die Galaxie-Aufnahmen des Hubble-Weltraum-Teleskop erinnern. An den Wänden wiederholen sich Muster und Zeichen. Verbinden sich durch den Raum zu einem kleinen Kosmos. Ein Hologrammbild an einer der Wände verändert sich je nach Standpunkt und gibt neue Sichtweisen Preis: Sternenstaub und Symbole.

Ritchies Alphabet

Mitte der 1990er Jahre entwickelte der britische Künstler Matthew Ritchie sein persönliches Alphabet aus 49 grundlegenden Figuren oder Eigenschaften. Von diesem Code ausgehend, konstruierte der Künstler immer komplexere, raumfüllende Installationen. Wie eine Erzählung entfalten sie Kapitel für Kapitel. Zurzeit ist Ritchie im Kunstmuseum in Bonn zu sehen. Unter dem Titel The Guggenheim: Contemporary Art wird dort der zeitgenössische Teil der Guggenheim Sammlung gezeigt. Matthew Ritchie bespielt dabei einen ganzen Raum.

Wo Religion und Wissenschaft enden

Was hat er vor: Er will visuelle Metaphern für die Entstehung und Geschichte des Universums erschaffen. Als Ausgangspunkt für seine Arbeit nimmt er die Disziplinen, mit denen Menschen von jeher versuchen die Welt und ihren Ursprung zu erklären: Geschichte, Wissenschaft, Religion, Mythos und Sprache. In ihnen sucht er nach Parallelen und Ähnlichkeiten. Und ist besonders fasziniert, wenn er Stellen entdeckt, an denen diese Möglichkeiten, die Welt zu beschreiben an ihre Grenzen stoßen. Wenn eine Fragestellung auftaucht, die nicht allein mit Religion oder Wissenschaft zu erklären ist.

Matthew Ritchie beschäftigt sich liebend gern mit diesen Grenzen. Wie es sie zum Beispiel in der Physik gibt: Die theoretische Physik stößt bei dem so genannten „Hierarchieproblem“ an ihre Grenzen. Physikern bereitet dieses Problem Kopfschmerzen: Denn es tritt ein Phänomen auf, was allein mit Hilfe der theoretischen Physik nicht zu erklären ist.

Verbindungen der Wissenschaften

Für Matthew Ritchie ein spannendes Rätsel. Er greift dieses Dilemma in seinem Werk Das Hierarchieproblem (2000) auf. Es zeigt, dass die Position des Betrachters vom Kontext abhängig ist. In der Installation ist der Betrachter umgeben von einer Reihe verschiedener Oberflächen und Objekte: eine Wandzeichnung, ein Gemälde, ein landkartenartiger Fußbodenbelag, ein Holgramm-Bild in einem Leuchtkasten sowie eine vermittelnde, freistehende Skulptur mit dem Titel Die feine Konstante (2003). Ihre Bezeichnung bezieht sich auf eine numerische Konstante, die mit dem Hierarchieproblem im Zusammenhang steht.

Projektion einer Wirklichkeit

Diese einzelnen Komponenten zusammen gesehen zeigen, dass der Leerraum der Galerie mit Linien gefüllt werden kann. Punkte zwischen Skulptur und Wandzeichnung verbinden sich und lassen den Betrachter in das Gesamtwerk eintauchen. Nach Meinung des Künstlers verweist die Installation auf die skalierte Beziehung der Schwerkraft zu anderen Kräften, aus denen sich das zusammensetzt, was wir Realität nennen. Das Werk verweist auch auf die Theorie, nach der das Universum, das wir sehen, tatsächlich die Projektion einer höheren Wirklichkeit ist.

Tappen im Dunkeln

Ritchie versucht die komplexe Ordnung unserer Welt zum Ausdruck zu bringen und das Unsichtbare sichtbar zu machen. Der Künstler erklärt: „Wir können nur fünf Prozent des Universums sehen, also arbeiten wir mit einem Modell, bei dem uns 95 Prozent der Informationen fehlen – kein Wunder, dass sich jeder verhält, als tappe er im Dunkeln. Deshalb lautet die große Frage für mich: Wie stellt man diese Leerstelle
optisch dar?“

The Guggenheim Collection

Die Ausstellung The Guggenheim Collection ist eine Kooperation zwischen der Solomon R. Guggenheim Foundation, New York, und der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Mit einer Fläche von 6000 qm in der Kunst- und Ausstellungshalle sowie weiteren 1500 qm im Kunstmuseum Bonn wird die Sammlung der Guggenheim Foundation mit ihrer Geschichte, Qualität und Ambition als global wirksamer Kulturinstitution umfassend präsentiert.


Hinweis:

Die Ausstellung „The Guggenheim Collection“ ist noch bis zum 7. Januar 2007 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen. Die Tageskarte kostet regulär zwölf Euro, ermäßigt sieben Euro.
www.bundeskunsthalle.de

Erschienen im Magazin „Kulturen„, Ausgabe November 2006

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.