Wächter vor der Tür zum Wissen

Diskussion im Max-Planck-Forum über „Lotsen in der Datenflut“ und ihre Gefahren. „Die beste Suchmaschine ist nach wie vor das menschliche Gehirn.“

Von Kathrin Giese

Collage von Google, Yahoo, MSN LogosJeder kennt sie, jeder nutzt sie: Die Suchmaschinen im Internet. So gut Google oder Yahoo ihre Dienste im Alltag ausführen, Expertenwissen ist mit Hilfe dieser großen Suchmaschinen nur schwer auffindbar. Bei speziellen Fragen, wie sie schon in der Recherche für Schulreferate auftauchen, stoßen die sie an ihre Grenzen. Nicht nur weil erst 20 Prozent des Weltwissens digitalisiert sind. Gängige Suchmaschinen erkennen bislang weder den Kontext noch die Mehrdeutigkeit von Suchbegriffen. Daran wird zurzeit geforscht.

Verlust an Vielfalt

Problematisch ist, dass immer weniger Suchmaschinen genutzt werden und sich die fünf großen so zu mächtigen Herrschern über den Zugang zum Wissen entwickeln. Die Betreiber häufen dabei Datenmassen an, die – wenn sie kombiniert werden – mehr preisgeben, als den meisten Nutzern lieb wäre: Einzelne Anfragen können auf den Benutzer zurückgeführt werden. Profile können erstellt werden. Zur Experten-Diskussion über Entwicklung, Zukunft und Probleme der Suchmaschinen lud gestern das Max-Planck-Forum Berlin in die Vertretung des Saarlandes beim Bund ein.

Daten nicht ohne Bedenken preisgeben

Die zentrale Speicherung der Daten ist laut Gerhard Weikum, Direktor am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken, eine Gefahr, die gesellschaftlicher Beachtung bedarf. „Vor acht Jahren gab es Google nicht. Es ist schwer zu sagen, was in fünf Jahren sein wird“, bestätigt der Pressesprecher von Google Deutschland, Stefan Keuchel. Genau da liegt für Weikum das Problem. Google ist ein amerikanisches Unternehmen. Im Moment vertrauen die Nutzer diesem Unternehmen und geben ihre Daten ohne Bedenken preis. „Wir treiben ja auch kein Schindluder mit diesen Daten“, so Keuchel. Doch wie es um Google, die USA oder unsere Gesellschaft in zehn Jahren bestellt sein mag, weiß heute keiner mit Sicherheit vorauszusagen. Die Daten existieren dann aber und müssen lediglich zusammen gebracht werden.

Quaero – ein europäisches Projekt

Hat Europa das Zeitalter der Suchmaschinen verschlafen und sich in Abhängigkeit begeben? Diese Frage stellte der Moderator der Diskussion Axel Postinett vom Handelsblatt den vier Experten. Rund 50 Suchmaschinen gibt es allein in Deutschland. Doch fast niemand kennt oder nutzt sie. Das deutsch-französische Forschungsprojekt „Quaero“, lateinisch für „Ich suche“, soll einen europäischen Gegenpol zu den Suchmaschinen-Giganten hervorbringen. Es wird angestrebt die Vorteile moderner Internet-Anwendungen, die unter dem Begriff „Web 2.0“ zusammengefasst werden mit der semantischen Websuche zu kombinieren. Dabei wird „Quaero“ auch multimediale Inhalte, wie Musik, Bilder und Videos durchsuchen können. Weikum merkte allerdings an, das hinter „Quaero“ auch wirtschaftliche Interessen stecken. An dem mit 400 Millionen Euro ausgestattet Projekt wollen sich SAP, Holtzbrinck, Thomson Deutschland, Lycos Europa und die Bertelsmann-Softwaretochter Empolis, sowie Siemens beteiligen.

Verschlagwortung von Einträgen

Screenshot von der Flickr-Startseite 6.1.2007Als bestes Beispiel, für das Prinzip, wie Suchmaschinen in Zukunft funktionieren sollen, nannte Weikum das Foto-Portal Flickr (www.flickr.com). Hier wird man selbst unter dem Suchbegriff „Glück“ fündig. Es erscheinen Bilder, die von den Nutzern mit dem Wort „Glück“ verschlagwortet wurde: Menschen fallen sich in die Arme, ein Graffiti unter einer Brücke spricht von Glück. Diese Bilder hätte Google so einfach nicht gefunden.

Kekse löschen

Doch ganz gleich wohin man surft oder was man über Google sucht: Die Anfragen werden gespeichert. Parallel wird auf dem Rechner ein „Cookie“ erstellt. Eine kleiner Datensatz, der an sich nicht schädlich ist. Doch wird er mit anderen Daten kombiniert, wie zum Beispiel den Anfrage-Protokollen, wird der Benutzer zum gläsernen Menschen. Deshalb sollten Internetnutzer regelmäßig diese „Kekse“ löschen, zum Beispiel über die Internetoptionen des „Internet Explorers“.

Anonymes Surfen

Für vollkommen anonymes Surfen setzt sich das Projekt „AN.ON“ (http://anon.inf.tu-dresden.de) ein. Mit dem kostenlos bereitgestellten Programm ist es möglich unentdeckt zu bleiben. Die Computer der Nutzer verbinden sich nach der Installation nicht mehr direkt mit dem Webserver, sondern verschlüsselt über einen Umweg, so dass die IP-Adresse, die Identifikationsnummer jedes Computers nicht übertragen wird.

Ganz gleich wie sich die Suchmaschinen weiterentwickeln: Der richtige und vorsichtige Umgang mit der neuen Technik sollte schon in der Schule vermittelt werden – darüber waren sich die Experten einig.

Live-Mitschnitt

Der Internet-Fernsehsender „Science TV“ stellt den Mitschnitt der Diskussion als Stream unter www.science-tv.com zur Verfügung. Mehr Infos unter www.forum.mpg.de.

Die Diskussionsteilnehmer

Über Entwicklung, Zukunft und Probleme der Suchmaschinen diskutierten gestern Gerhard Weikum, Direktor am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken, der Pressesprecher von Google Deutschland, Stefan Keuchel, sowie der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Peter Schaar und der Professor für Journalistik der Universität Leipzig, Marcel Machill in der Vertretung des Saarlandes beim Bund. Die Diskussion leitete Axel Postinett vom Handelsblatt.

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