Die Stille des Chaos

FILM Babel erzählt von gestörter Kommunikation und den Knoten in der Seele der Menschen

Von Kathrin Giese

Babel - Film (Screenshot)Durch das Chaos der Welt spannt sich ein dünner Faden der Gemeinsamkeit. Die Menschen, egal wo auf dem Globus sie ihr Dasein fristen, kämpfen: um Anerkennung durch die Eltern, um Liebe und Zärtlichkeit, um die Bestätigung dazuzugehören und nicht schuldig zu sein. Doch was hat sie auseinander getrieben?

Der Film „Babel“ von Alejandro González Iñárritu erzählt vier Geschichten aus vier Teilen unserer Welt: aus den USA, aus Mexiko, Marokko und Japan. Die Hauptpersonen sind so unterschiedlich, wie sie nur sein könnten, doch ihre Schicksale verstricken sich schmerzlich miteinander; ohne dass sich sagen lässt, wo die Geschichte begonnen hat und wo das Chaos seinen Lauf nimmt. Jeder einzelne leistet seinen kleinen Beitrag an dem großen Ganzen. Ein Mikrokosmos aus Gewalt, Leid, Schmerzen und Selbstmord ist das Endprodukt, der chaotisch, verwobenen Erzählung, die jeder dieser Menschen mitwebt. Wenn das Chaos und die Panik in den kunstvollen Bildern mächtig werden, blendet Iñárritu den Ton aus. Die Musik bildet einen Gegenpol zur Hektik des Geschehens: Ruhe und trauriger Frieden. Der Soundtrack lässt den Zuschauer zum abgegrenzten Beobachter werden. Irritiert von den fehlenden Alltagsgeräuschen, sieht er das Chaos walten. Befindet sich im gespannten Raum zwischen eigenen Empfindungen und den Bildern auf der Leinwand.

Ein Paar (Cate Blanchett und Brad Pitt) aus San Diego ist am Abgrund der Liebe angelangt. Nach dem plötzlichen Tod ihres Babys, können sie nicht mehr miteinander sprechen. Er verlässt seine Frau und zwei bildhübsche Kinder. Meidet jedes Gespräch. Sie ist nervlich am Ende. Hält sich für schuldig. Doch niemand nimmt ihr die Last im Gespräch ab. Ein letzter Versuch ihre Beziehung zu retten, ist der gemeinsame Urlaub in Marokko.

Ist es das Schicksal oder der Zufall, der ausgerechnet diese Frau zur Zielscheibe eines leichtsinnig abgefeuerten Gewehrschusses im marokkanischen Ödland werden lässt? Zwei einheimische Brüder schießen beim täglichen Hüten der Ziegen um die Wette. Wer die meisten Schakale erschießt, ist nicht nur der bessere Schütze, sondern auch Liebling des Vaters – denken sich die Ziegenhirten. Der Vater hat das Gewehr gerade teuer erstanden. Der kleine Bruder ist der bessere Schütze. Er feuert, angespornt von seinem 14-jähringen Bruder auf einen Reisebus, der sich auf der Serpentinenstraße durch den Staub wühl. Keiner hätte daran geglaubt, doch der Schuss trifft. Der Bus stoppt. Chaos und Panik brechen im Inneren aus.

Ein Terroranschlag auf eine amerikanische Reisegruppe – das denken nicht nur die Insassen. Wenige Stunden später ist auch die Weltöffentlichkeit dieser Meinung. Die Politik und Medien machen die Geschichte zum Thema. Die amerikanische Botschaft beteuert dem Ehemann, der seine Frau in einem marokkanischen Dorf auf dem Teppich verbluten sieht: „Wir werden die Täter stellen!“ Doch niemand kommt zur Hilfe. Die US-Botschaft lässt den einzigen marokkanischen Krankenwagen wieder umdrehen, weil sie selbst einen Hubschrauber schicken will. Dabei zählt jede Minute. In den Augen der Medien- und Machtabhängigen ist es ein Anschlag auf die USA. Denen ist es gleichgültig, dass eine junge Frau gerade in ihrem eigenen Mikrokosmos aus Blut, Urin und Wüstenstaub krepiert.

Während dessen besucht die mexikanische Haushälterin des Paares die Hochzeit ihres Sohnes. Und nimmt die beiden Kinder des Ehepaars mit über die Grenze. Die Rückkehr aus Mexiko wird durch die US-Einwanderungspolizei gestoppt. Eine Lüge, ein falscher Blick und eine Fehlentscheidung in der Vergangenheit und die Welt der Haushälterin liegt in Trümmern.

Einige Zeit später steht ein taubstummes japanisches Mädchen nackt auf dem Balkon des 30. Stockwerks ihres Tokioer-Hochhauses. Getrieben von ihrem verzweifelten Wunsch nach Sex und Geborgenheit. Sie kann sich der Welt kaum mitteilen und fühlt sich ausgegrenzt. Auch ihre Mutter hat sich selbst umgebracht. Warum, weiß keiner. Doch das Mädchen hat sie mit weggeschossenem Kopf damals gefunden. Doch das erzählt sie niemanden.

Waffen und ihre Omnipräsenz sind ein Drehpunkt des Films. Immer wieder sind sie im Bild. Letztendlich sind sie an allem Leid der Handelnden beteiligt. Doch entscheidend ist immer die Macht der einen Sekunde, die es braucht, den Abzug einer Waffe zu ziehen, die Lüge auszusprechen, wegzusehen oder durchzudrehen. In diesem Moment passieren die chaotischen Entscheidungen der Menschen, für die sie selbst verantwortlich sind. Und dennoch fühlen sich die Akteure vom Schicksal übermannt. Der Makrokosmos von Babel: Die Weltpolitik, Terrorgefahr, Waffengewalt und der Medienwahnsinn.
Am Ende stellt sich die Frage: Was wäre wenn? Wie hätte der Kreislauf, der sich bedingenden Ereignisse, durchbrochen werden können?

Weiter Hinweise:
Webseite zum Film

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