Blick hinter verschlossene Türen

Ausflug in die versteckten Räume der Berliner Verkehrsbetriebe

Von Kathrin Giese

BVG. Foto: Kathrin GieseIm Untergrund Berlins ist eine andere Welt zu finden. Türen führen in sie hinein. Doch nicht jeder kann hindurch.

1,4 Millionen Menschen mit oder ohne Fahrschein laufen werktags an diesen Türen vorbei. Die wenigsten von ihnen ahnen, was sich dahinter verbirgt: die Parallelwelt der Berliner Verkehrsbetriebe, die jeder Berliner besser unter den drei Buchstaben BVG kennt.

Hinter den unscheinbaren Türen liegt ein verborgenes Reich. Von dort aus wird der Schienenverkehr gesteuert und der Bahnsteig beobachtet. In diese Welt ziehen sich die Sicherheitskräfte zur Kaffeepause zurück, kaufen sich die U-Bahnfahrer Mittagsessen und unterhalten sich danach bei einer Zigarette.

Örgens Welt und Schlüssel

Ali Fuat Örgen zeigt verborgene Bereiche der Berliner Verkehrsbetriebe. Foto: Kathrin GieseSeit 32 Jahre ist die BVG-Welt die Heimat von Ali Fuat Örgen. In seinen Augen blitzt gelegentlich kecker Humor. „Ich bin Mongole, türkischer Herkunft und deutscher Staatsangehörigkeit“, sagt Örgen. Er trägt einen silbermelierten Schnauzer und eine schlichte ovale Brille. Seine früher schwarzen Haare sind silbern durchzogen. Auf seiner Stirn haben sich tiefe Falten gebildet. Er denkt oft über Gott und die Welt nach. Würde gerne Religionswissenschaften studieren.

Stück für Stück hat sich der 50-Jährige in der BVG-Welt hochgearbeitet. Er hat Karriere gemacht. Angefangen hat er einmal ganz unten in der BVG-Hierarchie. Damals war er 18 Jahre alt. Viele Jahre saß er selbst im Führerhäuschen der U-Bahnen U1 bis U4. Fuhr auf dem so genannten Kleinprofil, mit weniger breiten Wagen, aber gleich großen Schienen, als die Bahnen U5 bis U9. Noch heute kennt er die Strecken genau. Er kennt auch die Menschen, die tagtäglich den Verkehr am Laufen halten. 20 Jahre hat er sich für sie im Personalrat und in der Gewerkschaft engagiert. Was ihn jedoch von vielen seiner alten Arbeitskollegen unterscheidet: Er hat die Schlüssel zu beinnahe allen Türen.

Mit knurrendem Magen

Am Nollendorfplatz hält ein Bretterverschlag aus hellem Holz eine Aussparung für eine Tür. Die Tür sieht aus, als würden sich dahinter Putzmittel und Reinigungsfahrzeuge für den Bahnsteig befinden. Immer wenn Ali Örgen in der BVG-Welt unterwegs ist, hängt an seiner Schulter eine schwarze, rechteckige Umhängetasche. Aus ihr zieht er vor der Tür einen Schlüsselbund heraus. Als sich die Tür öffnet, erschließt sich ein ganzer Trakt.

Der Blick fällt auf einen Stahlträger hinter Glas, der wie ein Kunstwerk anmutet. Das BVG-Personal läuft an diesem Stahlträger meist mit knurrenden Mägen vorbei, denn er ist der erste Pfeiler auf dem Weg in die Kantine. Eine Treppe führt nach unten. Im Gang riecht es nach Kaffee und ein bisschen nach Turnhalle. Am Ende des Flurs sitzen Weichensteller, Leitstellenchefs und Mobile Ordnungsdienste an rustikalen Tischen. Ali Örgen wird von allen gegrüßt, sie kennen ihn aus dem Personalrat. Er kennt ihre Abkürzungen: MOD heißen beispielsweise die Mobilen Ordnungsdienste in der BVG-Sprache, die auf dem Bahnsteig für Sicherheit sorgen. Vor allem die Frauen kenne Ali Örgen: 15 Jahre lang hat er sich für die Frauenförderung bei der BVG eingesetzt. „Es gibt sehr nette, gut aussehende und intelligente Zugführerinnen“, sagt Örgen.

Früher, als er selbst noch die 2,30 Meter breiten U-Bahnen zwischen Schlesischem Tor und Ruhleben fuhr, hat er in der Kantine oft gegessen – 18 Jahre lang. Es gibt einen abgetrennten Raucherbereich mit Fenstern und schrecklich starken Kaffee mit Kondensmilch. Doch das wichtigste vielleicht: Hier gibt es Toiletten und auch die Zeit, sie zu benutzen.

Codewort 700

Was macht ein U-Bahn-Fahrer, wenn er mal muss? Es ist ja ein ganz natürliches Problem. Doch bei einem derart getakteten Arbeitstag, sind auch die menschlichen Bedürfnisse geplant. Ali Örgen hat über die Jahre herausgefunden, wie viel Kaffee er morgens trinken kann, so dass er vier Stunden durchhält. So lange dauert für gewöhnlich der Arbeitsblock eines Fahrers. Dessen einzige Chance im Fall der Fälle die Worte: „Sieben, Null, Null“ sind, die er durch die neuen Digital-Funk-Geräte, Hilfe suchend, an die Leitstelle weitergeben kann. 700, das ist das Codewort für: Ich muss mal schnell wo hin. In dem Fall antwortet die Gegenstelle mit der Angabe des Bahnhofs, in dem eine Ablösung wartet und in wenigen Sekunden das Fahrzeug übernehmen wird, ohne dass die Fahrgäste etwas davon mitbekommen. Örgen sagt: „Sieben, Null, Null“ wird nur mit Bedacht gefordert. Der Aufwand ist recht hoch und die Arbeitsplätze bei der BVG doch zu beliebt, als dass man sie wegen Kaffee aufs Spiel setzen würde. Außerdem bekommen diesen Ruf über Funk viele mit.

Drück den Knopf

Auch Fahrgäste können mit der Leitstelle in Kontakt treten. „Durch die NIS, die Notruf- und Infosäule auf den Bahnsteigen“, sagt Örgen. Wer den Informationsknopf drückt, löst nicht etwa einen Notruf aus. Man kann dort auch nach dem Weg oder der richtigen U-Bahn fragen. „Der Inforuf von den Bahnsteigen U1 bis U4 wird in der Leiststelle am Nollendorfplatz entgegengenommen. In dem Moment wird die Kamera angeschaltet und die BAUFS, die Bahnhofsaufsicht, sieht die gesamte Situation auf dem Flachbildschirm“, sagt Örgen. Mit einem Headset kann sie sich mit dem Fahrgast unterhalten und ihm helfen. „Die Leitstelle sorgt auch für die Ansage am Bahnsteig und den Text auf der Daisy“, sagt Örgen. Daisy, so nennen die BVGler liebevoll das dynamische Informationssystem auf dem Bahnsteig. Es zeigt beispielsweise an, in wie vielen Minuten die nächste Bahn eintreffen wird.

Örgens Lehre

„Ich war damals mit meinem Moped unterwegs, um Ersatzteile zu kaufen“, erklärt Ali Fuat Örgen, „da sah ich einen Infobus der BVG am Potsdamer Platz stehen.“ Er stieg damals vom Moped ab und ließ sich bei einem Kaffee erklären, was die BVG macht und welche Arbeitsmöglichkeiten dort geboten werden. „In meiner Lehrstelle als Autoelektriker verdiente ich 110 Mark. Die BVG bot 840 Mark brutto. Da hab ich meine Lehre sofort abgebrochen“, erinnert sich der 50-Jährige. Für ihn eröffnete sich mit der BVG ein Stück Paradies. „Ich war schon wegen meines Aussehens ein Exot und hatte mehr Freundinnen als manch ein anderer“, sagt Örgen. Er war damals einer der wenigen Ausländer in Kreuzberg, wo er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern wohnte. Heute bildet die BVG in ihrer Verkehrsakademie an die 400 Jugendliche in allen benötigten Berufen aus – vom Lackierer bis zum Bahnhofsmanager. „Wir stellen jährlich 100 Schulabgänger in 9 Berufen ein“, sagt Örgen.

Fließender Strom

Was jedem Lehrling eingeimpft wird: „Nicht auf die Schienen treten. Immer auf dem Holzboden bleiben“, sagt Örgen. Beim überqueren der Kleinprofilschienen, achtet Örgen nicht nur auf den rollenden Verkehr. Die unsichtbare Gefahr ist der fließende Strom. „Tritt mit einen Fuß auf die Stromschiene und mit dem anderen Fuß auf ein Gleis und du wirst gegrillt“, sagt Örgen. Je nachdem wie viele U-Bahnen gerade gleichzeitig auf der Strecke fahren, können bis zu 6000 Ampere durch die Schiene fließen und das bei 750 Volt. „Den Schlag kann man nicht mit dem eines Stromzauns vergleichen“, sagt Örgen.

Nicht nur deswegen werden die Tunnel und Wege der BVG mittlerweile durch Infrarotsichtgeräte und Bewegungsmelder überwacht. Die Jugendlichen, die neugierig die Tunnel erkunden und besprühen wollen, wissen oft nicht, in welche Gefahr sie sich begeben. „Immer mehr Menschen betreten die Gleise. Es ist unglaublich“, sagt Örgen.

„Im Bahnhof gibt es verschiedene Haltepunkte für die Züge, je nachdem wie viele Wagen sie mitführen“, sagt Örgen. Die kürzeste U-Bahn fährt auf der Linie U4. Sie besteht aus zwei Einheiten: zwei Wagen und zwei Zugmaschinen. Der Fahrer beobachtet mit dem Spiegel oder dem Monitor, dem so genannten Zugselbstabfertigungs-System (ZSA), die einsteigenden Fahrgäste. „Wenn er im ZSA sieht, dass jemand die Treppe runter rennt, um den Zug zu erreichen, dann kann der Fahrer entscheiden, ob er wartet. Vor allem nachts, wenn weniger Bahnen fahren, wird gewartet“, sagt Örgen. Wer trödelt, wird allerdings nicht mitgenommen. Es sei denn, jemand blockiert die Tür der U-Bahn. „Dann kann man nicht losfahren“, sagt Örgen. Der Fahrer drückt auf die Z/P-Taste und es ertönt: „Zurück bleiben bitte.“ Im Cockpit geben mehrere weiße Leuchtknöpfe an, ob alle Türen geschlossen sind. Erst dann kann er los fahren.

Die Strecke hat verschiedene Geschwindigkeitszonen, die durch grüne, gelbe und rote Ampeln angezeigt werden. Aus der Kombination der Lichter erkennt der Fahrer wie schnell er fahren darf. Grün heißt Vollgas, also 60 km/h, meist auf gerader Strecke. Zweimal Gelb bedeutet 20 bis 25 km/h in kritischen Bereichen. Gelb und Grün sagt 40 km/h. Mit einem Schiebehebel, je nach U-Bahn-Model mal runder Knauf oder rechteckiger Griff, wird die Geschwindigkeit reguliert. „In Kurven wird die Bahn von einer zusätzlichen Schiene auf der Strecke gehalten“, sagt Örgen. Dadurch entsteht vor allem bei den älteren Bahnen das ohrenbetäubende Quietschen.

Der Blick aus dem Fahrerstand fällt in einen schwarzen Tunnel. Wände ziehen vorbei, Balken, Kabel, andere Gleise, Türen. Ein faszinierendes blaues Licht leuchtet neonfarben mal oben mal unten an den Wänden. „Das sind die Notausgänge. Einige Lichter sind oben, einige unten angebracht. Man hat festgestellt, dass die Menschen bei Rauch am Boden entlang kriechen und dann nur die unteren Lichter sehen können“, erklärt Örgen.

Sitzende Selbstmörder

Am meisten verabscheut Örgen Selbstmörder. Dafür hat er kein Verständnis. „Sie versauen einem Unschuldigen das Leben“, sagt Örgen. Das findet er nicht fair. Viele seiner Kollegen sind nach einem solchen Personenschaden nicht mehr in den Führerstand getreten. Örgen selbst hat schon drei Menschen überfahren. So offen wie er, sprechen wenige seiner Kollegen, selbst in den oberen Leitstellen, über das Thema. „Entweder die Selbstmörder springen vor den Zug oder sitzen da und schauen einem direkt ins Gesicht“, sagt Örgen. Selbst die absolute Vollbremsung kann dann nicht mehr helfen. „Manchmal kommen die Selbstmörder heil hinten wieder raus. Doch das ist sehr selten“, sagt Örgen. Die Fahrer, ist er sich sicher, haben immer hundertprozentig richtig und nach Vorschrift gehandelt. Besonders vor und nach Weihnachten werfen sich viele vor die U-Bahn. „Doch die Zahl ist insgesamt überschaubar. Vielleicht zwei Hände voll im Jahr“, so Örgen.

Manchmal passieren auch Unfälle mit Bauarbeitern. Um all dies zu vermeiden, brennt in vielen Tunneln dauerhaft Licht. In der Hoffnung, dass sich Bahnfahrer und Mensch schneller sehen. An besonders gefährlichen Stellen geben die Zugfahrer mit der Hupe ein Warnsignal ab. „Das kann man machen, das macht keinen Aufwand“, erklärt Örgen. Für die Fahrer, die jemanden überfahren haben, bietet die BVG vielfältige Betreuung und Beistand an. „Das kann jeder selbst entscheiden, was er braucht. Einigen hilft es, anderen nicht“, sagt Örgen.

Sauber und gut

Immer wenn die Züge des Kleinprofils dreckig sind, fahren sie in die Waschanlage auf dem Gelände hinter der letzten Haltestelle Olympia-Stadion. Die Waschstraße sieht genau so aus, wie eine Auto-Waschanlage, sie ist nur um ein vielfaches länger. Im Stadion-Areal werden alle U-Bahnen wieder in Stand gesetzt. Es gibt eine Lackiererei, in der die Bahnen ihre gelbe Farbe erhalten, und Werkstätten, in denen alles auseinander- und wieder zusammengebaut werden kann. Eine Leitstelle, in einem hohen Turm koordiniert hier die Bahnen, so dass jede einen Platz im Lockschuppen bekommt. Hier arbeiten zwei alte Kollegen von Örgen, die den Entwicklungssprung zur komplett digitalen Leistelle nicht mitmachen wollten. In ihrem Posten können sie die Weichen noch ohne Computer stellen. „Allerdings kann die Leitstelle vom Nollendorfplatz ihre Arbeit im Prinzip übernehmen und sich auf dem Bildschirm anzeigen lassen“, erklärt Örgen. So ändert sich die Technik. Örgen hat schon viel mitgemacht.

Wenn Örgen vom U-Bahnhof Olympia-Stadion seine Heimfahrt antritt, geht er wieder vorsichtig über die vielen Gleisen, die dort zusammenlaufen. Eine Überführung, nur für BVG-Mitarbeiter, bringt ihn das letzte Stück in das Bahnhofsgebäude, in dem auch das U-Bahn-Museum untergebracht ist. Durch ein Treppenhaus gelangt er schließlich zu einer Tür, die auf den Bahnsteig führt. Mit seinem Allround-Schlüsselbund schließt er die blaue Tür wieder von außen zu – und nimmt die nächste U-Bahn.

Entstanden im Kompakt-Seminar „Reportage“ im Masterstudiengang „Kulturjournalismus“ bei der Tagesspiegel-Reporterin Deike Diening. Fotos: Kathrin Giese

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