Sep 16 2007

Grün gleich schwarz

Abgelegt 09:00 unter Tagesspiegel

Mitarbeit bei der Olivenernte in Süditalien ist lehrreich. Nach dem Tagwerk schmeckt das gewonnene Öl doppelt gut

Von Kathrin Giese

Olivenernte im CilentoDie Hügel des Nationalparks „Cilento“ legen im Herbst Schleier an. Es ist Erntezeit. Die Olivenbauern breiten rote und grüne feinmaschige Netze in den Olivenhainen aus.

Die märchenhaft geformten, teils mit uralten Bäumen besetzten Olivenhaine bekommen in dieser Zeit soviel Besuch, wie sonst das ganze Jahr nicht. Bauern, ihre Familien sowie professionelle Erntetrupps denken jetzt nur an das Eine. Auch Urlauber können bei der Olivenernte mithelfen.

Mit langen Stöcken schlagen die Erntehelfer gegen die schweren Äste: die Arme über den Kopf, den Stock in der Hand. Dabei muss man arg aufpassen, Oliven und Äste nicht zu beschädigen, denn die Gummistiefel finden auf dem feuchten Erdboden der Hänge nicht den rechten Halt. Doch immer mehr grüne und schwarze Oliven fallen in das Netz, rollen schließlich zu einem großen Haufen zusammen. Mit Handschaufeln – aus alten Milchkanistern selbst gebastelt – werden die Früchte in luftige Plastikkörbe befördert. Rasch klettert die Bäuerin noch in die Baumkrone, um die restlichen Oliven per Hand in ihrer Schürze zu bergen. Baum für Baum geht es vorwärts.

Oliven ändern die Farbe

Wer bei so einer Ernte mithilft, wird künftig Olivenöl mit anderen Augen sehen. Das häufige Bücken ist beschwerlich, die vollen Kisten wiegen einiges. Doch die Luft ist herrlich frisch, riecht nach feuchter Erde und frischen Oliven. Die Ausbeute schließlich, das Öl, erscheint nach einem solchen Tag wie ein gelbgrün leuchtender Schatz. Und man lernt dabei. Etwa, dass schwarze Oliven nicht etwa eine eigene Sorte sind, sondern dass sich alle Oliven verfärben wenn sie reifen, von grün bis violettschwarz.

Die Kombination aus Urlaub und Erntehilfe hat im zweitgrößten italienischen Naturschutzgebiet, dem Cilento, schon eine kleine Tradition. Andere Olivenregionen ziehen bereits nach. Doch der Landstrich rund 100 Kilometer südlich von Neapel besonders reizvoll durch seinen ursprünglichen und unverfälschten Charakter.

Öl aus der Genossenschaft

Die Weichen wurden 1998 von der Unesco für den sanften Tourismus gestellt, indem der Nationalpark zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Noch hält sich der Touristenstrom zur Olivenernte allerdings in Grenzen. Je nach Lust und Laune können die Urlauber traditionelle oder moderne technische Ernteverfahren bei den 190 Bauern der Genossenschaft „Nuovo Cilento“ miterleben. In dieser Gemeinschaft organisieren sich seit 30 Jahren Ölbauern der Region.

Während der Erntezeit hilft in dieser dörflichen Gegend jeder mit wie er kann. Selbst die Alten sammeln, mit buckeligem Rücken und knorrigen Fingern. Oder sie spicken gedörrte Feigen mit gerösteten Mandeln und Zitronenstücken. Die Feige ist die zweite wichtige Frucht der Region und diente früher den Bauern in Hungersnöten als Hauptnahrungsmittel.

Selber sammeln

„Bei der Ernte wird Engagement auch von den Urlaubern erwartet, die kommen um zu helfen“, erklärt Birte Kokocinski, die nahe dem mittelalterlichen Dorf Castellabate eine Apartmentanlage auf einem sanierten Adelsgut betreibt. Die Berlinerin, selbst Hobby-Olivenbäuerin, bewirtschaftet 120 eigene Bäume und ist Mitglied in der Genossenschaft. „Keine Angst, wer nicht mehr kann, legt halt eine Pause ein“, sagt Birte, die für ihre Gäste Erntetage in der Kooperative organisiert.

Großgrundbesitzer Antonio Sabia. Foto: Kathrin GieseMit moderner Technik können selbst wenige Helfer große Haine abernten. Eine Art Traktor hilft dabei. Er hat eine große Greifzange, mit der er den Baum am Stamm packt und in Vibration versetzt: die Oliven regnen ins Netz. Auf diese Weise arbeitet Antonio Sabia, ein Großgrundbesitzer. Mit 25 Helfern sammelt er die Oliven seiner 15 000 Bäume. Seine Familie lebt schon seit Generationen vom Olivenanbau. Vor seinem prachtvoll sanierten Sandsteinhaus steht ein alter Pressbalken aus der eigenen historischen Ölmühle – heute ein kleines Museum. „Das Holz des Balkens ist bestimmt 1000 Jahre alt“, schätzt Sabia. Ein prachtvoller Anblick ist der 400 Jahre alte Olivenhain direkt neben seinem Haus: Wer darin steht, spürt, weshalb solche Haine vor Urzeiten als heilig galten.

Mittelalterlicher Charme

Ist die Ernte eingebracht, drängt die Zeit. Noch am selben Tag muss die Pressung erfolgen, um gutes Öl zu erhalten. Die Ölmühle der Genossenschaft befindet sich im mittelalterlichen Dorf San Mauro Cilento, hübsch auf dem Berg Stella (1130 Meter) gelegen.

Traditionelle Waschkücke im Cilento. Foto: Kathrin GieseAuf dem steilen Weg hinauf passiert man Stella Cilento. In dem Dörfchen wäscht eine Frau ihre Wäsche noch auf die traditionelle Art in einer in den Fels gehauenen Waschkammer. Ihre Körbe stehen am Straßenrand. Die Wäsche schrubbt sie mit bloßen Händen in kaltem Wasser. Im Cilento gehen die Uhren eben anders.

Die Ölmühle ist ganz modern, erst wenige Jahre alt. Auf schonende Art soll sie gutes Öl erzeugen, da sind die Bauern eigen. An die Mühle angeschlossen ist ein Restaurant. Im „Al Frantoio“ („Zur Ölmühle“) hat man sich ganz der cilentanischen Küche verschrieben, bei der das Olivenöl natürlich eine bedeutende Rolle spielt. Und man kann es kosten. Wie bei einer Weinprobe.

Öl wie Wein verkosten

Gläschen für Gläschen – selbst die ungeübte Zunge lernt die Unterschiede zu schmecken. Und wer noch nie das Vergnügen hatte, lernt das charakteristische Brennen im Hals kennen: ein Zeichen für frisches, hochwertiges Öl, heißt es. Schmeckt Öl etwa nach Butter, Margarine oder überhaupt fettig, sei es von minderwertiger Qualität. Je deutlicher es nach frischer Olive schmecke, desto hochwertiger. „Nach einem deutlichen, kräftigen Geschmack im Mund sollte sich der Geschmack neutralisieren“, sagt Antonio Marrocco, Arzt und Fachmann für Olivenöl. Bleibt ein Nachgeschmack erhalten, stimme etwas nicht mit dem Öl.

Für dieses Jahr wird eine große Ernte erwartet. Der Olivenbaum hat einen zweijährigen Rhythmus: Im vergangenen Jahr fiel die Ernte deutlich kleiner aus. Birte Kokocinski erhält aus ihren 120 Bäumen in einem guten Jahr 350 Liter Öl, im vergangenen Jahr waren es lediglich 35 Liter. „Die Bauern haushalten daher mit ihren Ölbeständen über die zwei Jahre und würden nie alles auf einen Schlag verkaufen. Eine gute Ernte sollte für zwei Jahre reichen“, erklärt die Berlinerin, die zufrieden ihre Bäume betrachtet. So sind in den kommenden Wochen Ernte-Urlauber wieder gern gesehene Gäste im Cilento, denn es gibt viel zu tun. Und mit ein bisschen Glück klappt es ja, dass noch während des Aufenthalts das Öl aus selbst gesammelten Oliven gepresst und für den Transport nach Hause fertig ist.

Weitere Infos:
Die Olivenernte läuft von Oktober bis Dezember. Gegen eine Gebühr von 55 Euro vermittelt Birte Kokocinski zwei Helfertage mit Programm und Öl von selbstgeernteten Oliven (Freiwaldauer Weg 34, 12205 Berlin; Telefon: 030 / 812 01 47, E-Mail: info@crapa.de, Internet: www.crapa.de).

Erschienen im Tagesspiegel vom 16.09.2007.
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Ein Kommentar

Ein Kommentar to “Grün gleich schwarz”

  1. Cilentoam 29. September 2009 um 15:15 1

    Sehr lehrreicher Artikel über Die Olivenernte.Danke!Ich will in einem Monat auch ins Cilento und bin grad am herausfinden,was es dort interessantes zu erleben gibt.Das hier klingt schonmal extrem gut.

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