Faszinierende Gedankenexperimente

Über die Paralleldimension Troposphere und ihre Auswirkungen auf unsere Welt. Rezension zu „Troposphere“ von Scarlett Thomas

Von Kathrin Giese

Scarlett Thomas: Troposphere.Experimente des Geistes haben es Ariel Manto angetan: Schrödingers Katze in der Kiste, die nicht gleichzeitig tot und lebendig sein kann, Einsteins Relativitätstheorie oder die Stringtheorie. Letztere kann sie zwar auch nicht genau erklären, sie liebt aber die Poesie und die Metaphern, mit denen die theoretische Physik beschreibt, was die Welt im Innersten zusammen hält. Zum Beispiel Einsteins Züge, mit denen er die spezielle Relativitätstheorie verbildlicht.

In der Faszination für philosophische Probleme haben die Protagonistin von Troposphere und die Autorin Scarlett Thomas wohl etwas gemeinsam, denn auch Thomas löst zur Entspannung gerne mathematische Probleme. 2001 zählte der „Independent on Sunday“ Thomas (Jahrgang 1972) zu den 20 besten englischen Nachwuchsautoren. Bei den „Elly Style Awards“ wurde sie als „Writer of the Year“ 2002 ausgezeichnet. Sie hat neben zahlreichen Kurzgeschichten bereits sechs Romane veröffentlicht. Mit ihrem neuen Buch bewegt sie sich, wie auch schon mit „PopCo“ (2004) an der Grenze von Naturwissenschaft und Philosophie.

Freie Assoziation

Die Hauptdarstellerin von Troposphere Ariel Manto hat Englische Literatur und Philosophie studiert, doch das Studentendasein konnte sie bislang nicht hinter sich lassen. Einmal im Monat schreibt sie eine Kolumne für eine kleine Zeitung über „Freie Assoziation“. Sie ist permanent pleite und ihre Wohnung eine kalte Bruchbude. Sie spielt sogar mit dem Gedanken wieder an die Uni zu gehen, um theoretische Physik zu studieren, als sie auf einem abgefahrenen Vortrag den Professor für Englische Literatur Saul Burlem kennenlernt. Vor vier Leuten, einschließlich Ariel, erzählt er von einem verfluchten Buch des viktorianischen Schriftstellers Thomas E. Lumas mit dem Titel „The End of Mister Y“.

Gerüchten zur Folge stirbt jeder, der etwas mit dem Buch zu tun hat: Lumas selbst starb am Tage der Veröffentlichung, aber auch der Verleger, der Lektor und der Schriftsetzer kamen zu Tode.

Das verschollene Buch

Mit Saul Burlem gerät Ariel nach dem Vortrag in ein philosophisches Gespräch, an dessen Ende sie eine Stelle als Doktorandin bei ihm erhält. Eine Woche später ist er spurlos verschwunden. Ariel ist seitdem ebenfalls von dem Lumas-Virus gepackt. Der perfekte Zufall spielt ihr eine Kiste voller Bücher in die Hände, darunter tatsächlich das verschollene Buch.
Obwohl Burlem ihr von Lumas abgeraten hatte – sie kann nicht anders und vertieft sich in die Lektüre des Buches.

In einem Jahrmarktszelt wagt Mr. Y ein mutiges Experiment, mit dem die ganze Geschichte seinen Lauf nimmt. Er bekommt ein unbekanntes Elixier zu trinken und meditiert über einem schwarzen Kreis, der sich mit der Zeit zu einem großen, schwarzen Tunnel mit mysteriösen Formeln an den Wänden erweitert. Durch diesen reist Mr. Y – und später auch Ariel – in eine andere Welt. Eine Welt, in der man sich über die Gedanken der Menschen bewegt und über Erinnerungen in der Zeit zurückreisen kann.

Mäusegott Apollo Smintheus

In dieser Welt lebt auch der Mäusegott Apollo Smintheus, der Ariel beiseite steht, als der Fluch langsam Gestalt annimmt. Denn in der Gedankenwelt sind Neuankömmlinge nicht bei allen willkommen. Eiskalte Agenten, ähnlich wie bei Martix, machen Jagd auf Ariel. Es beginnt ein spannender Thriller in der Troposphere, deren Geheimnis geschützt werden soll.

Wer sich für die großen Fragen der Welt interessiert, sollte sich mit Ariel in die Troposphere begeben. Dabei begegnet man philosophischen Theorien wie dem Dekonstruktivismus von Jacques Derrida und Ideen der Frankensteinautorin Mary Shelley, der Quantenmechanik und Ariels Lieblingsthema dem Lichtäther, der im 19. Jahrhundert die unsichtbare Substanz darstellte, in der sich angeblich Licht ausbreiten würde. Ein physikalisches Konzept, dass nach Einstein nicht mehr gebraucht wird.

Inspiriert haben Thomas auch „Im Paralleluniversum“ von Michio Kaku und Simon Singhs „Big Bang“, wie sie im Nachwort schreibt.

Bei soviel Input verfliegen die fast 600 Seiten des Buches rasant. Über das Ende wurde schon unter den Lesern der englischen Ausgabe gestritten – eigentlich unnötigerweise. Troposphere ist spannend, intelligent und inspirierend. Da kommt es auf das Ende gar nicht mehr an.

Scarlett Thomas: Troposphere. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. Originaltitel: The End of Mr. Y. Kindler Verlag, München 2008, 576 Seiten, 19,90 €.

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