Funkende Kleidung

RFID-Chips stecken bald überall drin

RFID-Chips sind praktisch, aber jeder Schokoriegel wird weltweit identifizierbar. Was, wenn das Papier in Nachbars Garten flattert?

Von Kathrin Giese

So könnte Shopping in naher Zukunft aussehen: Kein Anstehen an der Kasse. Einfach die Einkäufe in die Tasche packen und durch die Ausgangstür mit dem integrierten Lesegerät gehen. Sie registriert automatisch, was gekauft wurde und wie viel das Geschäft nachbestellen muss. Mit dem Chip in der Kundenkarte wird die Person erkannt und der zu zahlende Betrag schnurstracks vom angegebenen Konto abgebucht. Großer Service, Schutz vor Diebstahl und effiziente Logistik sind die Vorteile des RFID-Chips. Die neue Technik bringt aber auch Gefahren für den Datenschutz mit sich. Chips in Bibliotheken

RFID steht für Radiofrequenzidentifikation. Die Chips sind mittlerweile so klein wie Staubkörner. Da sie auch noch billig in der Herstellung sind, könnten sie bald überall angebracht werden. Sogar in Textilien könnten sie eingewoben werden. In den Eintrittskarten für die Fußball-WM 2006 steckte bereits ein RFID-Chip – für die Fälschungssicherheit. Die neuen Reisepässe, die sogenannten E-Pässe , sind ebenfalls mit RFID-Chips bestückt, auf denen das biometrische Passfoto und ab November 2007 auch zwei digitale Fingerabdrücke gespeichert sind. Auch Bibliotheken nutzen die neue Technik, beispielsweise 25 Bibliotheken in München. Die METRO AG hat solche Chips in ihrem Future Store in Rheinberg im Einsatz, auf der Webseite auch interaktiv zu erleben.

Praktische Visionen gibt es viele: Der Medizinschrank meldet, wenn Medikamente abgelaufen sind. Die Pizzaschachtel nennt dem Backofen die optimale Backtemperatur und -zeit. BR-Online hat die futuristischen Vorteile des RFID-Chips einmal aufgelistet. Von verlorenen Haustürschlüsseln, die man googeln kann, erzählt Science-Fiction-Autor Bruce Sterling im Interview des ZUENDERS der Zeitschrift DIE ZEIT.

Unter die Haut gepflanzt

Welche Produkte heute schon mit RFID ausgestattet sind, recherchiert der FoeBuD, der Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs, ein großer Kritiker der Technik. Zum Einsatz kommt RFID: In der Bahncard 100 seit April 2005, in Studierendenausweisen, laut FoeBuD bei der Technischen Universität Berlin, Ludwig Maximilians Universität und Technischen Universität in München sowie der Universität Bielefeld, in Skipässen, bei der Tierkennzeichnung, in den Lagern von Kaufhäusern, auf Eintrittskarten, Ausweisen und anderen Identifikationspapieren. Sogar Menschen werden die Chips unter die Haut gepflanzt:

Bei der Discothekenkette „Baja Beach Club“ lassen Stammgäste das freiwillig machen, damit sie u. a. nicht mehr jedes Getränk einzeln bezahlen müssen. In einem Wohnhaus in Neuss rechnen Mieter die Kosten für den Fahrstuhl nach Benutzung ab: Jede Fahrt kostet 5 Cent und wird per RFID-Chip am Schlüsselbund verbucht.

Marke der Unterwäsche offenkundig

Datenschützer und Handel stehen im Punkt RFID von Anfang an miteinander im Disput. Was wirtschaftliche Abläufe vereinfacht, ermöglicht leider auch den Einblick in die Einkaufstüte. Werden die Chips beispielsweise beim Verlassen des Geschäfts nicht deaktiviert , abmontiert oder zerstört, könnte auch auf der Straße jeder mit einem Lesegerät in die Tüte gucken. Oder im Geschäft wird anhand des eingewebten Chips in der Unterhose angezeigt, welche Marke bevorzugt wird.

Werden die Informationen in Datenbanken zusammengetragen und verknüpft, ermöglichen sie enormen Einblick in das Leben jedes Einzelnen: Das perfekte Kundenprofil kann erstellt werden, weitaus besser als durch die heutigen Payback-Karten. Die Marketingexperten können es kaum abwarten, die neuen Möglichkeiten auszuprobieren: Wer vor einem bestimmten Regal womöglich länger steht, könnte am nächsten Tag die passende Werbung in seinem Briefkasten oder E-Mail-Account finden, je nachdem, was er auf seiner Kundenkarte angegeben hat oder bei welchem Adresshändler die Handelskette eingekauft hat.

Weltweit eindeutig

Unvorstellbar, aber wahr: Jeder Gegenstand erhält durch RFID-Chips eine weltweit eindeutige Seriennummer. Er ist damit eindeutig identifizierbar. Schokoriegel einer bestimmten Sorte hatten bisher den gleichen Strichcode. Mit RFID wird jeder einzelne Riegel identifizierbar . Wird mit der Kundenkarte, der Bankkarte oder der Kreditkarte bezahlt, ist auch der Käufer identifizierbar. Schmeißt er das Papier des Schokoriegels einfach auf die Straße, könnte der Schmutzfink genau ermittelt werden und mit einem Bußgeld belangt werden. Wenn erst die Häuser intelligenter werden, die digitale Krankenakte eingeführt und alles miteinander vernetzt ist, könnte nach einem dekadenten Essen am Spiegel im Badezimmer die böse Nachricht überraschen: „Ihr Krankenkassenbeitrag wurde soeben erhöht.“

Personen verfolgen

Der FoeBuD fordert deshalb: Keine RFID-Chips auf Einzelprodukten . Anderenfalls müssen die Chips beim Bezahlen an der Kasse automatisch zerstört werden. In diesem Positionspapier haben Datenschützer und RFID-Kritiker ihre Bedenken und Vorschläge für den Gebrauch von RFID auf und in Konsumgütern aufgelistet. Bedenklich seien etwa die ve rsteckte Anbringung von Etiketten, die eindeutigen Identifikationsmerkmale für alle Objekte weltweit, die massenhafte Datenzusammenführung, versteckte Lesegeräte oder die Personenverfolgung und die Erstellung von Profilen. Die Zerstörung am Ausgang wünschen sich auch die Teilnehmer der Online-Umfrage „Was darf Technik?“. Sie ist Teil der Studie TAUCIS, die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt wurde.

RFID-Chips werden kontaktfrei ausgelesen. Der Nutzer hat keine Kontrolle mehr darüber, wann und von wem der Chip ausgelesen wird. Die Kundenkarte könnte schon beim Betreten des Geschäfts den Käufer identifizieren und in der Datenbank sein Kaufverhalten der letzten Tage abrufen. Ähnlich wie beim Online-Buchversand könnte dem Kunden nun empfohlen werden, was er bestimmt kaufen möchte oder was andere Kunden mit ähnlichem Kaufprofil gekauft haben. Da wäre die persönliche Begrüßung durch den Lautsprecher am Eingang „Guten Tag Herr Mustermann, heute ist ihr Lieblingskäse im Angebot“ noch die harmloseste Variante.

METRO-Skandal

Die METRO AG hatte bereits 10.000 Kundenkarten mit RFID-Chips versehen, ohne die Kunden drüber zu informieren. Als die Kritik laut wurde, bot das Unternehmen den Umtausch in eine chipfreie Karte an. Mit dieser Karte konnten Kunden schon beim Betreten des Geschäfts eindeutig identifiziert werden. Einkäufe wurden mit dem Kunden verknüpft. Den METRO-Skandal kann man beim FoeBud nachlesen, der die Chips in den Karten zufällig entdeckte, und bei Telepolis. „Big Brother im Supermarkt?“, fragt auch der WDR.

Nicht nur Kundenprofile könnten erstellt werden, es könnte sich eine Art Preisdiskriminierung entwickeln, bei der nicht alle Kunden gleichwertig behandelt werden: Stammkunden könnte das Unternehmen niedrige Preisangebote machen, während die Preise für Gelegenheitskunden erhöht würden.

Spionage an der Ampel

Antennen, mit denen die Chips ausgelesen werden, können überall angebracht werden: an Türen, Ampeln, Zapfsäulen oder Regalen. So könnte sich jeder ein Bild verschaffen, welche Kundenkarten im Geldbeutel versteckt sind und welche Bonbons gerade gekauft wurden. Die Tanksäule könnte erkennen, welche Marke Kaugummis der Autofahrer in der Tasche hat, und die Werbung der Konkurrenzmarke spielen.

Karstadt setzt die RFID-Technologie seit September 2007 in einem Warenhaus in Düsseldorf erstmals im Echtbetrieb ein. Dabei ging Karstadt bei der Einführung deutlich geschickter vor als die METRO AG. Die RFID-Chips, die bislang nur an Jeans angebracht wurden, sind nun für den Kunden sichtbar und werden an der Kasse restlos entfernt. Beim Kauf kann keine Verknüpfung mit personenbezogenen Daten erfolgen. Außerdem informierte Karstadt seine Kunden über den Einsatz der RFID-Technik.

Grundsätzlich gibt es verschiedene Arten von RFID-Chips. Die Klasse der passiven Chips kann nicht von alleine senden. Diese Chips beziehen ihren Strom durch die Wellen des Lesegeräts. Sie haben nur eine kleine Reichweite. Aktive Chips eignen sich für das Auslesen aus großer Entfernung, benötigen dafür allerdings eine eigene Stromquelle. Sie können mit Mikrowellen ausgelesen werden. Es gibt Chips, deren Inhalt auch geändert werden kann. In sie kann beispielsweise der Käsehersteller Ablaufdatum und Sortenname eingeben, der Händler kann dann den Ladenpreis hinzufügen.

Arbeitsplätze fallen weg

Intelligent wird der Chip erst, wenn er programmierbar ist und eigene Entscheidungen aufgrund von Algorithmen treffen kann: Dann könnte sich beispielsweise ein Container im Hafen den passenden LKW, der an seinen Bestimmungsort fährt und noch Platz hat, selbst suchen, schwärmt Falk Lüke in der ZEIT.

RFID-Chips könnten also recht bald einige Berufe wie mit Sicherheit den des Kassierers überflüssig machen. Nicht nur deshalb hat die Gewerkschaft ver.di in einer 80-seitigen Broschüre (PDF) Informationen für Betriebsräte zusammengestellt.

RFID auch in anderen Ländern

In Ungarn wurde gerade am Flughafen Debrecen ein Verfahren getestet, das RFID-Chips und Kameraüberwachung kombiniert. Mit dem RFID-Chip im Flugticket lässt sich jeder Passagier auf Schritt und Tritt am Monitor verfolgen. Ansagen könnten Passagiere persönlich ansprechen, die vielleicht bei einem Kaffee die Zeit vergessen haben und den Flug möglicherweise verpassen könnten.

Großbritannien hat eine halbe Million Mülltonnen mit RFID-Chips versehen, die in Deutschland produziert wurden, allerdings ohne die Bürger zu informieren. Grund: Die genaue Müllmenge soll in Rechnung gestellt werden können, wie der britische Umweltminister laut „The Guardian“ andeutete. Die Tonne wird beim Auskippen gewogen und der Besitzer aus dem Chip ausgelesen. Sind bald die Einzelprodukte mit Chips ausgestattet, könnte auch festgestellt werden, was genau weggeschmissen wurde und ob es in der richtigen Tonne entsorgt wurde.

Die Verkehrsbetriebe in London führten 2004 die Oyster Card ein: ein bargeldloses Zahlsystem mit persönlicher Radiofrequenzidentifizierung. Sämtliche individuellen Bus- und U-Bahnfahrten werden so gespeichert. Nutzte der Scotland Yard das System 2004 siebenmal zur Aufklärung von Verbrechen, waren es 2005 schon 229-mal.

Schüler unter Beobachtung

In den USA werden an einer privaten Schule Schüler, Lehrer und Laptops bereits mit RFID-Chips kontrolliert. Beim Betreten der Schule identifizieren sich die Schüler via Chip und Touchscreen zusätzlich zu ihren Ausweisen, die sie sowieso um den Hals tragen müssen. Den Lehrern ermöglicht der Chip Zugang zu geschlossenen Räumen.

Im kalifornischen Senat sollte 2006 ein Gesetz verabschiedet werden, das weitreichend den Datenschutz im Zusammenhang mit RFID regelt. Gouverneur Arnold Schwarzenegger war dagegen. Der Entwurf scheiterte. Die Bürger sollten die Kontrolle darüber erhalten, ob von RFID-fähigen Karten Informationen übermittelt werden. Zugriff ohne Wissen und Zustimmung wäre verboten worden. Öffentliche Einrichtungen hätten die Bürger informieren müssen, wo genau Lesegeräte stehen und welche Informationen mit ihnen gesammelt werden. Das ging Schwarzenegger zu weit. Hier seine Begründung (PDF, Englisch).

Der Einsatz von RFID-Chips bringt eine Vielzahl von Vorteilen mit sich. Grundsätzlich wäre es falsch, die Technik zu verteufeln. Wichtiger ist, dass bei ihrer Nutzung gewisse Richtlinien des Datenschutzes beachtet werden. Notfalls müsste die Gesetzgebung die Datensammelwut der Wirtschaft in ihre Schranken weisen. Nach dem METRO-Skandal sind die Geschäfte aber auch jetzt schon vorsichtiger geworden.

Erschienen am 11.02.2008 auf taz.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.