Schmuck als sozialer Klebstoff

Schmuck ist ein fester Bestandteil unserer Kultur. Doch es gab eine Zeit in der Evolution des Menschen, da wurden die ersten Schmuckstücke überhaupt erfunden.

Von Kathrin Giese

ConardEs war eine regelrechte Revolution, die unser Vorfahre “Homo sapiens”, der sogenannte “Moderne Mensch” damit auslöste. Welche Rolle spielte dabei der Schmuck?

Auf der Suche nach dem ersten Schmuck der Menschheit wird in der Universität Tübingen säckeweise Sediment von Hand durchsucht. Mit Pinzetten untersuchen studentische Hilfskräfte den Schutt aus der Höhle Vogelherd am Rande des Lonetals. Er stammt aus einer Ausgrabung aus dem Jahre 1931. Schon oft sind sie fündig geworden: viele kleine Anhänger müssen die Eiszeitmenschen vor rund 35.000 Jahren verloren haben.

Diese Eiszeit-Anhänger archiviert Sibylle Wolf in kleinen durchsichtigen Plastikschachteln. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen und kennt die Fundorte auf der Schwäbischen Alb:

Gerade in der Höhle Hohle Fels bei Schelklingen und im Geißenklösterle, auch im Achtal gelegen, findet man vor allem tropfenförmige Anhänger und brillenförmige Anhänger. Alle diese Anhänger konnten als Kette getragen werden oder waren als Verzierung auf Kleindungsstücke aufgenäht“, weiß Sibylle Wolf.

Grabfund in Russland

In Mitteleuropa wurde noch kein Grab des „Homo sapiens“ entdeckt, in dem ein „Modernen Mensch“ mit seinem Schmuck bestattet wurde. In der russischen Tundra jedoch schon. Dort wurde das Grab eines Mannes gefunden, der ein Ledergewand mit fast 3.000 Aufnähern aus Elfenbein trug. Doch der Tübinger Frühhistoriker und Eiszeitforscher Nicholas Conard geht davon aus, das die Anhänger die erfindet, ebenfalls auf der Kleidung aufgenäht waren. Die Anhänger sind oft kaum einen Zentimeter groß und sehr fein gearbeitet. Der „Homo sapiens“ schnitzte sie aus Mammut-Elfenbein, Speckstein oder Gagat, einer Art Braunkohle, auch „Schwarzer Bernstein“ genannt. Der moderne Mensch muss eine regelrechte Massenproduktion dieser Anhänger organisiert haben. Conard ist sich sicher, dass die Anhänger neben der Zier vor allem einen sozialen Nutzen hatten:

Wenn wir uns vorstellen, wir sind vor 35.000 Jahren hier auf der Alb unterwegs und treffen auf jemanden. Wenn wir dann schon aus der Ferne sehen, dass er oder sie gewisse Formen trägt, die wir kennen, dann würden wir sagen: alles OK, den kennen wir, der gehört zu uns.“

35.000 Jahre alter Schmuck

Schmuck als Erkennungszeichen im eiszeitlichen Überlebenskampf. Der „Moderne Mensch“ nutzte dafür Techniken, die er für den Werkzeugbau entwickelt hatte, um sich als Teil einer Gruppe zu kennzeichnen und sich so vor Angriffen zu schützen. Das hatte es zuvor noch nicht gegeben:

Das alles sehen wir zum ersten Mal in einer Phase, wo die Symbolik an sich zum ersten Mal archäologisch fassbar wird. In unserer Region sind die ältesten Funde immer zwischen 30.000 und 40.000 Jahre vor heute datiert. Also genau zu der Zeit als die ersten modernen Menschen in unserer Region hineingewandert sind und die Neandertaler verdrängt haben“, erklärt Nicholas Conard.

Schmuck als sozialer Klebstoff

Neandertaler existierten schätzungsweise 10.000 Jahre lang neben dem „Homo sapiens“ und starben dann aus. Conard geht davon aus, dass das Auftauchen von Schmuck mit den unterschiedlichen kulturellen Fähigkeiten des Neandertalers und des „Homo sapiens“ im Zusammenhang steht:

Schmuck entwickelt sich zusammen mit anderen neuen Fähigkeiten: figürlichen Darstellungen, Musikformen, Sprachfähigkeiten, Erzählkunst und vermutlich einer ganzen Reihe von anderen Eigenschaften. Man kann sich das wie einen sozialen Klebstoff vorstellen, der die Leute zusammenbindet und ihnen zumindest gegenüber dem Neandertaler, der insgesamt gesehen eine relativ konservative kulturelle Formen hatte, eine etwas dynamischere Kultur gegeben hat. Das Gesamtbild zeigt sehr deutlich, dass die symbolische Kommunikation auf einem ganz anderen Niveau war, als in der Zeit zuvor.“

Verändernde Wirkung

Neben der symbolischen Wirkung auf andere Menschen kann Schmuck auch auf den Träger selbst wirken, erzählt Andreas Gut, Professor für Schmuck an der Hochschule Pforzheim:

Schmuck ist ein Zeichen, dass man sich ansteckt. Es wird ein Teil von der Person und kann die Person verändern. Das hat auch etwas magisches an sich. Man kann sich durch Schmuck sehr stark verwandeln. Schmuck wurde auch oft medizinisch eingesetzt, im Sinn von einem Talisman. Einem solchen Schmuckstück wurden auch wirklich Kräfte zugeordnet. Vieles ist nicht erklärbar, aber man fühlt sich mit einem Schmuckstück anders.“

Höhlenbäreneckzähne als Anhänger

Wissenschaftler gehen davon aus, das sich der frühe Schmuck zusammen mit ersten Formen der Religion entwickelte. Auf Schamanismus zum Beispiel deuten die Funde von Eckzähnen von Raubkatzen oder Höhlenbären hin, die alle durchbohrt wurden, um sie als Anhänger zu tragen:

Wenn man sich einen Bärenzahn ansteckt, dann geht etwas von der Kraft des Bären in einen über. Man bildet sich das vielleicht ein, aber weil man sich es einbildet ist man auch stärker. Und so wirkt Schmuck auch: Ich ziehe etwas an. Ich gehe aus. Und weil ich so angezogen bin und ich mich attraktiv fühle, bin ich auch attraktiv“, beschreibt Andreas Gut.

Psychologische Wirkung

Vielleicht waren die „Modernen Menschen“ dank diesem psychologischen Trick auf der Mammut-Jagd erfolgreicher. Im Hohlen Fels bei Schelklingen im Alb-Donau-Kreis haben die Tübinger Frühhistoriker neben Tierdarstellungen auch eine kleine Figur aus dieser Zeit gefunden, die ein Mischwesen aus Löwe und Mensch zeigt. Eines ist den Figuren und dem Schmuck gemeinsam: um sie erschaffen zu können, musste der moderne Mensch technische und soziale Fähigkeiten mit einander kombinieren:

Dafür brauchte er sicher ein komplexeres Denken, auf verschiedenen Ebenen und eben auch eine komplexere Kommunikation, sowie eine sehr feine Abstufung von Kommunikation durch Zeichen: durch das Material, die Oberfläche und die Farben. Auch jemand, der nicht Design studiert hat, jeder hat ein Gefühl dafür: Wie wirkt was und wer gehört wohin? Das scheint mir sehr wichtig in der Evolution gewesen zu sein, sonst hätten wir nicht all die Dinge, mit denen wir uns die ganze Zeit umgeben, wenn wir nicht dieses Bedürfnis hätten, uns ganz fein von einander abzugrenzen.“

Vernetzung zwischen technischem und sozialem Denken

Steven Mithen, Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität von Reading, England, glaubt, dass den Neandertalern diese Verknüpfung zwischen technischem und sozialem Denken fehlte:

Der einzige Weg zu erklären, wieso die Neandertaler keinen Schmuck hatten, ist anzunehmen, dass sie über das Herstellen von Werkzeugen nachdachten, ganz getrennt und unabhängig vom sozialen Interagieren. Das waren zwei radikal verschiedene Dinge, die sie taten. Sie konnten keine Verbindungen zwischen beidem herstellen. Nach über 100 Jahren Studium dieser frühen Menschen, können wir mit Überzeugung sagen, dass der Neandertaler keine Kunstgegenstände, keinen Körperschmuck und keine hochentwickelten Knochen- und Geweihwerkzeuge hatte. Und ich denke, das liegt daran, dass sie grundlegend anders dachten als der moderne Mensch.“

Auch wenn man nicht genau weiß, wie der Mensch auf den Schmuck gekommen ist – Schmuck wurde viel gehandelt und hat stark zum kulturellen Austausch unter den Menschen beigetragen. Und er hat bis heute seinen besonderen Stellenwert behalten.

Hier können Sie den Beitrag im SWR2 Weblog Evolution – Fluss des Lebens anhören.

Gesendet in SWR2 Impuls am 19.03.2009.

Links zum Thema:

Studiengang Schmuck und Objekte der Alltagskultur, Schmuckmuseum Pforzheim,

Artikel bei 3Sat: Pferdekopf, Wasservogel und Löwenmensch , Schwäbische Alb – Wiege der Kunst.

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