Die gefallenen Halbgötter in Weiß

Ärzte genießen Jahrzehnte lang einen unantastbaren Ruf als Halbgötter in Weiß. Doch das Ansehen hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Für das SWR-Wissensmagazin „odysso“ entstand diese Zeitreise:

Assistenten und Oberärzte im Gefolge, schreitet in den 1960er Jahren mancher Chefarzt die Grenze zwischen Schauspieler, absolutem Fürsten und Arzt verwischend zur Visite. Der Chefarzt tritt als Halbgott in Weiß auf. Die Klinik ist sein unumstrittenes Hoheitsgebiet. Die Herrschaft über Leben und Tod scheinen dem Arzt seit jeher die Aura der Allwissenheit zu verleihen. Kaum ein anderer Beruf ist mit so viel Ansehen und Macht verbunden.

Kritik am Kliniksystem in den 1970er

Doch in der Klinikhierarchie herrscht eine unerbittliche Hackordnung. 1970 kritisiert ein junge Klinikarzt: „In dem derzeitigen autoritären Kliniksystem, das man eigentlich nur mit dem Feudalsystem des Mittelalters vergleichen kann, ist es unmöglich, das der Assistenzarzt heute ein Verhältnis zu den Patienten aufbaut, das den modernen Gesichtspunkten der Medizin entspricht. Der Patient ist in der hierarchischen Pyramide, die in unsere Kliniksystem aufgebaut wird, einfach das schwächste Glied und wird zum Teil fast erdrückt.“

Technisierung der Medizin fördert die Teamarbeit

Die Zeiten ändern sich nur langsam. Zwar wird der Teamgedanke auch im Krankenhaus wichtiger, doch Kritik am Chefarzt ist Tabu. In immer stärkerem Maße technisiert sich die Medizin, von dem einzelnen unüberschaubar. Das bringt weitreichende Veränderungen mit sich. Man ist auf einander angewiesen. Der Chefarzt als Alleinherrscher hat zunehmend ausgedient. Doch die Technik sorgt für Distanz in der Arzt-Patienten-Beziehung. Wo früher in der manuellen Untersuchung Hand angelegt wurde, analysiert jetzt der Computer. Der Freiburger Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Günter Stange stellt 1968 den ersten Hörtest-Computer vor: „Mit dieser Diagnosemaschine können wir ganz exakt und objektiv ohne den Patienten befragen zu müssen, die Hörfähigkeit der zu untersuchenden Person untersuchen, ermitteln und feststellen.“

Ein Schatten fällt auf den Weißen Kittel

Den Beruf des Allgemeinmediziners, der als fürsorglicher Begleiter in allen Lebenslagen hilft und auch Hausbesuchen macht, streben schon in den 1970er Jahren nur wenige Jungmediziner an. Stattdessen boomen die wesentlich lukrativeren Facharztpraxen. Doch in den 1980er Jahren träumen zu viele vom prestigeträchtigen Arztberuf. Es drohen Arbeitslosigkeit und finanzielle Einbußen. Nur für die Hälfte der Absolventen gibt es Bedarf. Zeitgleich hält die „Schwarzwaldklinik“ die heile Welt der Mediziner und das Klischee vom „Halbgott in Weiß“ im Fernsehen aufrecht. Doch so unfehlbar wie im Fernsehen sind die Ärzte in der Wirklichkeit nicht. Nicht alles ist machbar, nicht jede Operation geht gut. Die Patienten lernen sich zu beschweren. Ein Chirurg berichtet 1992: „Leider geht das Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Arzt langsam in die Brüche und dadurch hat es eigentlich der Patient schwerer, weniger wir. Wir müssen aufklären, wir müssen überlegen, was könnte uns nach einer Operation in unserem Fach oder nach einer Behandlung angehängt werden.“

Der Arzt als Dienstleister

Das Vertrauen leidet auch durch die zunehmende Ökonomisierung der Medizin. Knappe Budgets engen die Ärzte ein und lassen sie „kreativ“ werden. Als Dienstleister nutzen sie neue Einnahmequellen: sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen, die der Patient selbst bezahlen muss. Das kritisieren auch Kollegen: „Früher konnten Sie mehr oder weniger davon ausgehen, dass der Arzt die Dinge macht, die für Sie notwendig sind und dann eben mit der Versicherung direkt abrechnet, mit der Krankenkasse oder eben Sie eine Rechnung kriegen für Ihre Privatkasse. Und heute müssen Sie immer noch zweimal fragen: Hab ich einen Vorteil davon oder hat nur der Arzt einen Vorteil davon. Und das ist neu. Das ist einfach für das Vertrauens-Verhältnis sehr schwierig“, berichtet der Kölner Hausarzt Walter Dresch.

Das Ansehen der Ärzte hat gelitten. Doch die Flecken auf dem weißen Kittel müssen weg, denn aus dem Internet wirbt die strahlende digitale Konkurrenz, um den Patienten als Kunde. Online-Ärzte eröffnen ihre Praxen und stellen digital Rezepte aus. Patienten informieren sich bei Dr. Google. Für den Patienten ist es dadurch nicht leichter geworden, wie eine Straßenumfragen zeigt. Eine Frau sagt: „Man muss schon selber auch sich schlau machen und sich selber auch fragen. Ich bin sowieso misstrauisch. Wir haben doch Internet.“ Ein Passant erklärt: „Meistens gucken wir ins Internet rein, ob er recht hat.“ Zeichen für Unsicherheit und Misstrauen. Arzt und Patient müssen ihr Verhältnis heute neu definieren. Eine Herausforderung für beide.

Der Beitrag erschien hier am 18.11.2015. Er wurde produziert für die odysso-Sendung „Ärzte unter Verdacht“:

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.